Vorgestern habe ich hier bereits erläutert, dass in den dreißiger Jahren die Prinzipien der Konkreten Kunst formuliert und Schritt für Schritte europaweit von Kunstschaffenden aufgenommen werden. In Spanien gibt es lange keine vergleichbare Bewegung der Konkreten Kunst, wie wir sie in vielen anderen europäischen Ländern finden. Dennoch entstehen bereits zuvor künstlerische Strömungen, die den Boden für die spätere Entwicklung bereiten. Die Geschichte der Konkreten Kunst in Spanien beginnt daher nicht mit geometrischen Kompositionen der Nachkriegszeit, sondern mit den spanischen Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts.
Zu Beginn des Jahrhunderts gehört Spanien zu den kulturell lebendigsten Ländern Europas. Viele Künstler suchen den Austausch mit den großen Kunstmetropolen, insbesondere mit Paris. Dort erleben sie die revolutionären Veränderungen der Moderne aus nächster Nähe. Der Kubismus, maßgeblich geprägt durch Pablo Picasso und Juan Gris, eröffnet neue Möglichkeiten, Formen unabhängig von der traditionellen Perspektive zu organisieren. Zwar handelt es sich dabei nicht um Konkrete Kunst, doch die Zerlegung der Wirklichkeit in geometrische Elemente weist zumindest bereits in die Richtung der geometrischen Abstarktion.

Parallel dazu entstehen in Europa weitere avantgardistische Bewegungen. Der Konstruktivismus in Russland und die niederländische De-Stijl-Gruppe entwickeln eine Kunst, die auf mathematischer Ordnung, klaren Strukturen und universellen Gestaltungsprinzipien beruht. Diese Ideen erreichen auch spanische Künstler und Architekten, wenn auch zunächst nur in begrenztem Umfang. Eine zentrale Figur in diesem Zusammenhang ist Joaquín Torres-García. Der in Uruguay geborene Künstler arbeitet viele Jahre in Spanien und steht in engem Kontakt mit den europäischen Avantgarden. Besonders in den zwanziger- und dreißiger Jahren entwickelt er seinen „universellen Konstruktivismus“, eine Bildsprache, die geometrische Ordnung mit symbolischen Elementen verbindet. Obwohl seine Werke nicht vollständig den späteren Prinzipien der Konkreten Kunst entsprechen, gehört er zu den wichtigsten Wegbereitern konstruktiver Ideen im spanischen Kulturraum.
Die politische Situation erschwert danach eine kontinuierliche Entwicklung. Mit dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs im Jahr 1936 erlebt das kulturelle Leben des Landes einen tiefen Einschnitt. Viele Künstlerinnen ud Künstler gehen ins Exil, andere ziehen sich zurück oder arbeiten unter schwierigen Bedingungen weiter. Der Krieg zerstört zahlreiche kulturelle Netzwerke, die für die Verbreitung moderner Kunstströmungen wichtig gewesen wären.
Nach dem Sieg Francos 1939 beginnt eine lange Phase politischer Isolation. Während sich in anderen europäischen Ländern neue Formen konkreter und konstruktiver Kunst etablieren, bleiben internationale Kontakte in Spanien stark eingeschränkt. Dennoch verschwinden die Ideen der Moderne nicht vollständig. Einige Künstler verfolgen die Entwicklungen im Ausland aufmerksam und suchen nach Möglichkeiten, die geometrische Abstraktion weiterzuentwickeln.
In den vierziger-Jahren entstehen erste Ansätze einer konstruktiven und konkreten Kunst, die sich bewusst von traditionellen Bildthemen löst. Die Beschäftigung mit Verhältnis, Struktur, Rhythmus und Proportion gewinnt an Bedeutung. Junge Künstler interessieren sich zunehmend für wissenschaftliche, mathematische und architektonische Fragestellungen. Die Kunst soll nicht länger Geschichten erzählen, sondern eigene Gesetzmäßigkeiten schaffen.
Gegen Ende der vierziger Jahre beginnt sich das kulturelle Klima langsam zu verändern. Internationale Ausstellungen und neue Kontakte ermöglichen den Austausch mit Entwicklungen in Frankreich, der Schweiz und Lateinamerika. Besonders die dort bereits etablierte konkrete und konstruktive Kunst wirkt inspirierend auf eine neue Generation spanischer Künstler.
Damit sind die Voraussetzungen für einen entscheidenden Neubeginn geschaffen. In den fünfziger Jahren tritt eine Reihe von Künstlern hervor, die die geometrische Abstraktion zu einem der wichtigsten Kapitel der modernen spanischen Kunst machen. Aus einzelnen Impulsen wird eine Bewegung. Gruppen entstehen, Ausstellungen werden organisiert, und Spanien findet allmählich Anschluss an die internationale Avantgarde.
Im nächsten Beitrag betrachten wir diese entscheidende Phase genauer: die Blütezeit der Konkreten Kunst in Spanien zwischen 1950 und 1980, als Künstler wie der baskische BildhauerJorge Oteiza, der madrilenische Maler Pablo Palazuelo oder Kinetiker und Lichtobjektkünstler Eusebio Sempere die geometrische Moderne des Landes prägen. In dne kommenden Tagen mehr zu diesen Wegbereitern der Konkreten Kunst in Spanien.
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