Clement Greenberg – der wichtigste Kunstkritiker des 20. Jahrhundert

„Der wichtigste Kunstkritiker des 20. Jahrhunderts“ lautet der Titel einer Würdigung des US-Amerikaners Clement Greenberg anlässlich seines 100. Geburtstages 2009 in der WELT. Über Clement Greenberg, der unter anderem Künstler wie Jackson Pollock entdeckt hat, habe ich in den letzten Tagen immer wieder im Zusammenhang mit dem Kunststil der Nachmalerischen Abstraktion geschrieben. Clement Greenberg hat dieser Weiterentwicklung des Abstrakten Expressionismus den Namen gegeben.

Clement Greenberg, Quelle: WikiCommons

Hier ein Auszug aus der Würdigung der WELT: „Angefangen hatte alles mit Greenbergs früher Entdeckung eines noch rohen und weitgehend unverstandenen Malers namens Jackson Pollock, genau drei Jahre älter als der Kritiker: ein melancholischer Existenzialist, dessen abstrakte Bildlandschaften weiße Flecken der Kunstgeschichte waren. Das Unverstandene war eine Herausforderung für den Kritiker. In der Abstraktion sah Greenberg nicht nur einen formal und ästhetisch zwingenden Zug der Gegenwartskunst, sondern auch eine Einladung der Kunst an Kritiker, diese anti-narrativen Werke zu erläutern. Aber nicht im Sinne jenes bürgerlich-idealistischen Tandes, sondern im Sinne einer genauen Untersuchung dessen, was ist. Greenberg war ein Anti-Metaphysiker und Materialist. Er nahm die Bilder ernst, weil er sie nicht zu Symbolen von irgendetwas oder Mahnmalen gegen etwas sah. Die Sprache von Greenberg war hager und fast zwanghaft präzise. Seine Beobachtungen waren Meditationen in Genauigkeit. Was er damit beweisen wollte und konnte: auch ohne bunte Kontextparagraphen konnte die Kunst kritisiert und bedacht werden. Er blickte auf die Leinwand und die Farbe: ihren Rhythmus, ihre Struktur, ihre Erscheinung. In Pollocks Werk sah er jene Autonomie der Kunst verwirklicht, die zu sich selbst finden muss abseits aller Bezüge zur Außenwelt. Diese Kunst bildete nichts anderes mehr ab als ihr eigenes Werden und Entstehen. Im Modernismus sah er – ziemlich hegelianisch – die Kunst zu sich kommen: nicht mehr als im Realismus unbeholfene Repräsentation der Außenwelt, sondern als Entdeckung ihrer eigenen Wahrheiten und Möglichkeiten.

Die Selbstfindung der Kunst war das große Motiv der Texte, die Greenberg schrieb, später auch der Ausstellungen, die er kuratierte. Dass der Weg zu sich mitunter lange sein konnte, wusste Greenberg aus eigener Anschauung, hatte er sich mit seiner Berufung doch Zeit gelassen. Geboren wurde er am 16. Januar 1909 als der älteste von drei Söhnen litauischer Juden in der Bronx. Da der Vater vom Ladenbesitzer zum Fabrikanten aufstieg, gab es nie Geldsorgen oder Mangel. … Mit dem Schreiben machte er erst Ende der Dreißigerjahre ernst.

Greenberg, der geläuterte Marxist und Trotzkist, sah in der Abstraktion eine notwendige Entwicklung der Kunst auf dem Weg zu sich selbst. Als Linker wusste er aber auch, dass die richtige Agitation einer Sache erst zum Durchbruch verhelfen kann, und so wurde Greenberg Geburtshelfer der amerikanischen Nachkriegsmoderne in einer Form, wie kein Kritiker vor ihm die Kunstgeschichte oder den Kunstmarkt geprägt hatte. … Die Künstler hörten auf sein Urteil und zerbrachen mitunter an seinem Tadel. …

Bis zum Aufkommen der Pop-Art diktierte Greenberg virtuos das Geschehen der Kunstwelt. Im Vorbeigehen hatte er New York als Hauptstadt der Kunstwelt etabliert. Doch sowohl der abstrakte Expressionismus als auch die danach von ihm geförderte Farbfeldmalerei blieben in ihrer zunehmend anämischen Disziplin der Gegenwart entrückt. Anders als Pollock, dessen Rhythmus so auch bei James Dean und im Rock’n’Roll sein Echo fand, blieb vieles überaus akademisch. Die Zeit ging über die Abstraktion und damit über Greenberg hinweg.“

Quelle: Ulf Poschardt: ‚Der wichtigste Kunstkritiker des 20. Jahrhunderts‘, DIE WELT online vom 16.01.2009, online unter: https://www.welt.de/welt_print/article3035237; aufgerufen am 09.01.2020

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