Fernando de Szyszlo gehört zu den zentralen Figuren der modernen Kunst in Peru. Auch wenn sein Werk häufig dem abstrakten Expressionismus zugerechnet wird, spielen geometrische Formen in seiner Arbeit eine entscheidende Rolle. Fernando de Szyszlo etabliert in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Form der Abstraktion, die Emotion, Mythos und strukturelle Klarheit miteinander verbindet – und damit den Boden für spätere Entwicklungen in Peru bereitet.
Fernando de Szyszlo in Lima geboren und beginnt 1943 ein Architekturstudium. Dieses Studium gibt er schnell auf und schreibt sich stattdessen an der Hochschule für Bildende Kunst in Lima ein. Nach seinem Abschluss 1948 reiste er nach Europa, wo er die Werke der großen Meister, insbesondere Rembrandt, Tizian und Tintoretto, studiert und die vielfältigen Einflüsse des Kubismus, Surrealismus, Informel und der Abstraktion aufnimmt. Er lebt sieben Jahre lang in Florenz und Patis, bevor er Mitte der fünfziger Jahre nach Peru zurückkehrt. Während seines Aufenthalts in Paris lernt er Octavio Paz und André Breton kennen und gehört zu einer Gruppe lateinamerikanischer Künstler und Schriftsteller im Exil, die sich regelmäßig im Café de Flore trafen und angeregt darüber diskutierten, wie sie sich an der internationalen Moderne beteiligen und gleichzeitig ihre lateinamerikanische kulturelle Identität bewahren können. Nach seiner Rückkehr nach Peru wird Fernando de Szyszlo zu einer treibenden Kraft der künstlerischen Erneuerung in seinem Land und beschreitet neue Wege, indem er peruanische Themen in einem abstrakten Stil darstellte. Ab Mitte der sechziger Jahren ist der als Professor und Gastdozente international tätig und wird einer der bekanntesten Persönlickeiten peruanischer Kunst.
Fernando de Szyszlo‘s Bilder sind gängigerweise von kraftvollen Farbflächen, dunklen Tönen und monumentalen Kompositionen geprägt. Unter der expressiven Oberfläche liegt jedoch eine klare Ordnung. Formen sind sorgfältig ausbalanciert, Bildräume streng organisiert. Dreiecke, vertikale Achsen und symmetrische Spannungen strukturieren die Leinwand. Geometrie fungiert nicht als sichtbares Raster, sondern als unsichtbares Gerüst.

Fernando de Szyszlo bezieht sich – wie so viele der hier vorgstellten peruanischen Künsrlerinnen und Künstler – intensiv auf präkolumbische Mythologien und Rituale. Titel, Atmosphäre und formale Kompositionen verweisen auf Opferstätten, Zeremonien und sakrale Räume. Bezüge manifestieren sich in abstrakten Strukturen, in Verdichtungen von Raum und Farbe. Die Geometrie trägt Bedeutung, ohne zu illustrieren.
In einem internationalen Kontext positioniert sich Fernando de Szyszlo bewusst. Er ist mit europäischen und nordamerikanischen Avantgarden vertraut, lehnt jedoch eine rein formale Abstraktion ab. Für ihn ist die Trennung zwischen Form und Inhalt nicht haltbar. Die geometrische Ordnung dient als Träger kultureller Erfahrung. Abstraktion wird zum Ort der Erinnerung. Gerade hierin unterscheidet sich Fernando de Szyszlos Arbeit von der konkreten Kunst. Während diese Autonomie und Rationalität betont, bleibt seine Abstraktion emotional aufgeladen. Dennoch ist sein Beitrag für die Entwicklung geometrischer Denkweisen in Peru zentral. Er legitimiert die nicht-figurative Kunst in einem kulturellen Umfeld, das lange von Figuration dominiert ist.
Fernando de Szyszlo steht damit an einer Schnittstelle. Seine Kunst ist nicht konkret im engen Sinn, aber sie öffnet den Raum für eine Abstraktion, die Struktur ernst nimmt. Zwischen Mythos und Geometrie etabliert er eine visuelle Sprache, die bis heute nachwirkt – kraftvoll, konzentriert und unverkennbar peruanisch.
Eine ganze Reihe von Werken des Künstlers sowie einige weitere Infromationen und ein Interview: Fernando de Szyszlo – Artists – Latin American Masters
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