Die Amazonen der russischen Avantgarde

Über Ljubow Popowa habe ich in den vergangenen Tagen geschrieben. Sie war bei weitem nicht die einzige Künstlerin der russischen Avantgarde, die es zu kennen lohnt. Ein 20 Jahre alter Artikel über die Amazonen der russischen Avantgarde aus dem art-Magazin stellt die Künstlerinnen vor:

„Sie waren jung, hübsch, meist aus gutem Haus und kultiviert erzogen. Sie erfüllten alle Voraussetzungen, um in der russischen Oberschicht eine gute Partie zu machen. Doch ein traditionelles Leben an der Seite eines vermögenden Gatten – das erschien ihnen nicht als Erüllung ihrer Träume. Diese Frauen zog es mit Macht zur Kunst: Natalja Gontscharowa (1881 bis 1962), Ljubow Popowa (1889 bis 1924), Olga Rosanowa (1886 bis 1918), Nadeschda Udalzowa (1886 bis 1961), Alexandra Exter (1882 bis 1949) und Warwara Stepanowa (1894 bis 1958) zählen zu den bedeutenden Pionierinnen der Avantgarde vor und während der russischen Revolution: Selbstbewußt und fortschrittlich traten sie für den künstlerischen und auch den politischen Aufbruch ihres Landes ein.“

exter

Alexandra Exter, Komposition, ca. 1916

Als „Amazonen der Avantgarde“ pries sie der russische Dichter Benedikt Livsvic und schwärmte für ihre Werke.

„Der formzerlegende französische Kubismus, der dynamikbetonte italienische Futurismus, die konstruktivistischen Entwürfe eines Wladimir Tatlin und die absolute Malerei des Suprematisten Kasimir Malewitsch lieferten den Malerinnen wichtige Anregung. Aber die Frauen gingen souverän mit solchen Vorgaben um. Sie nahmen sich die Freiheit, die verschiedenen Stilarten der Moderne zu erproben und wagten—ohne Rücksicht auf rigide Doktrin – kühne Kombinationen. „Sich auf eine Kunstrichtung zu spezialisieren, ist überaus langweilig“, stellte die experimentierfreudige Rosanowa klar; ähnlich dachte auch Natalja Gontscharowa, die mutig moderne Formensprache mit Motiven der russischen Volkskunst verband während Exter in ihren faszinierenden Gemälden kühle Konstruktion und sinnliche Farbigkeit aufeinanderprallen ließ. Die Malerei jedoch reichte den engagierten Kämpferinnen nicht aus, um ihre Vision einer neuen Kunst in einer neuen, sozialistischen Gesellschaft zu verwirklichen. Sie lehrten in Moskau an den freien staatlichen Ateliers SWOMAS oder WChUTEMAS, entwarfen Produktkunst, agitierten in Büchern und Aufsätzen und arbeiteten an theoretischen Begründungen ihrer Positionen. Der sowjetische Diktator Stalin. der auch die Kunstszene rigoros knebelte. setzte der Avantgarde-Bewegung ein Ende; seit 1934 galt der Sozialistische Realismus als verbindliche Doktrin – und die einst tonangebenden Töchter der Revolution waren verstummt.“

Quelle: Angelika Kindermann, „Aufbruch der höheren Töchter“, in art-magazin 7, 1999, S. 90f.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s