Biennale Venedig 2026 – der österreichische Pavillon

Aktion! Nackte Haut! Laute Botschaften! Gefühlt ist der österreichische Pavillon der Gegenentwurf zum deutschen Pavillon, den ich vorgestern hier kurz vorgestellt habe.

Die österreichische Choreografin und Performancekünstlerin Florentina Holzinger vertritt Österreich mit dem Projekt SEAWORLD VENICE. Sie verwandelt den österreichischen Pavillon in einen hybriden Raum aus Sakralbau, Unterwasserwelt und Kläranlage. Besuchende werden Teil eines geschlossenen Systems: Ihre Körperflüssigkeiten tragen zur Überflutung des Pavillons bei und werden zugleich zum Lebensraum der Performenden.

Die Installation funktioniert wie ein lebendiger Organismus, in dem Körper, Technologie und Umwelt miteinander verschmelzen. Florentina Holzinger untersucht dabei eine Welt im Ausnahmezustand, in der Natur und Technik untrennbar aufeinanderprallen. Neben der permanenten Live-Installation umfasst das Projekt performative „Études“, die seit 2020 entstehen und den Auftakt sowie den Abschluss der Arbeit markieren.

Florentina Holzingers künstlerische Praxis bewegt sich zwischen Tanz, Performance, Oper und Theater. Ihre Arbeiten verbinden extreme Körperlichkeit mit präziser Inszenierung und hinterfragen gesellschaftliche, religiöse und kulturelle Machtstrukturen. Hochkultur trifft dabei auf Pop- und Gegenkultur, Spektakel auf politische Subversion. Mit SEAWORLD VENICE setzt Florentina Holzinger diese Auseinandersetzung in Beziehung zu Venedig – einer Stadt, deren Geschichte von Wasser, Zerfall und menschlichen Eingriffen geprägt ist.

Im Zentrum steht Wasser als lebensnotwendige Ressource und zugleich als Symbol für Kontrolle, Reinigung und Transformation. Florentina Holzinger thematisiert Reinheit und Verschmutzung, Ordnung und Instabilität. Reinigungsrituale erscheinen dabei als gesellschaftliche Mechanismen, die Sicherheit versprechen, deren Ordnung jedoch jederzeit zusammenbrechen kann.

Bereits die Eröffnungs-Étude etabliert diese Athmosphäre. Eine aus der Lagune geborgene Glocke wird in einer Prozession zum Pavillon getragen und über dem Eingang installiert. Sie fungiert zugleich als religiöses Symbol, Warnsignal und Zeichen des Vergehens. Performer:innen ersetzen den Klöppel und lassen die Glocke stündlich erklingen – als Bild für das Ende patriarchaler und religiöser Machtstrukturen.

Im gefluteten Pavillon kreist ein Jet Ski durch das Wasser. Das Fahrzeug wird zum Symbol für Massentourismus und ökologische Zerstörung in der bedrohten Lagunenstadt. Gleichzeitig erinnert seine mechanische Bewegung an den menschlichen Versuch, Natur zu kontrollieren. Eine monumentale Wetterfahne durchstößt die Architektur des Pavillons. Statt traditioneller religiöser Figuren zeigt sie eine rotierende, weiblich geführte Kreuzabnahme und verwandelt ein christliches Motiv in ein Zeichen kollektiven Widerstands und gesellschaftlicher Veränderung.

Im Innenhof lebt während der gesamten Biennale eine Performerin in einem Wassertank, der sich mit dem Urin der Besuchenden füllt. Dieses geschlossene Recyclingsystem verweist auf globale Machtverhältnisse, in denen schwächere Gesellschaften die Folgen von Konsum und Verschwendung tragen. Gleichzeitig dekonstruiert Florentina Holzinger klassische Schönheitsbilder der Kunstgeschichte: Die Figur erinnert an Giorgiones Schlafende Venus, erscheint hier jedoch nicht mehr als idealisierte Muse, sondern als Überlebende einer kollabierenden Welt.

Mit SEAWORLD VENICE verwandelt Florentina Holzinger den österreichischen Pavillon in einen Ort feministischen Widerstands. Durch die direkte Konfrontation von Körper, Maschine und Zerfall legt sie gesellschaftliche und ökologische Krisen offen und zeigt die Zerbrechlichkeit bestehender Ordnungen. Der Körper wird dabei zum Medium von Selbstbestimmung und Überleben in einer Welt permanenter Transformation.

Quelle dieser Einführung und mehr zum vieldiskutierten Beitrag Österreichs: SEAWORLD VENICE und Biennale 2026

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