Das Realistische Manifest II – die Grundprinzipien des Konstruktivismus

realistisches_manifest_1920

Das Realistische Manifest der Gebrüder Gabo und Pevsner, 1920

Nochmal zum Realistischen Manifest, dass 1920 von den Konstruktivisten Naum Gabo und seinem Bruder Antonie Pevsner veröffentlicht wurde. Neben der Kritik an den damals aktuellem Kunstrichtungen und der Forderung nach Erneuerung werden in dem Manifest auch Grundprinzipen der konstruktiven Technik, bzw. des Konstruktivismus dargelegt. Hier ein Auszug:

„Wir wissen, daß jedes Ding sein eigenes Wesensbild hat; Stuhl, Tisch, Lampe, Telefon, Buch, Haus, Mensch … das alles sind vollständige Welten für sich mit eigenem Rhythmus und eigenen Planetenbahnen. Deshalb entfernen wir, wenn wir Dinge schaffen, den Stempel ihrer Besitzer … alles Zufällige und Begrenzte, und lassen ihnen nur die Realität des gleichbleibenden Rhythmus der ihnen innewohnenden Kräfte.

1. Daher lehnen wir die Farbe als malerisches Element ab. Die Farbe ist das idealisierte optische Antlitz der Dinge, ein äußerlicher und oberflächlicher Eindruck. Die Farbe ist zufällig, sie hat nichts mit dem inneren Wesen der Körper zu tun. Wir behaupten, daß die Tönung einer Substanz, das heißt, ihr lichtabsorbierender stofflicher Körper, ihre einzige malerische Realität ist.

2. Wir verzichten bei einer Linie auf ihr Darstellungsvermögen. Es gibt im wirklichen Leben der Körper keine beschreibenden Linien. Darstellung ist die zufällige Spur des Menschen auf den Dingen, sie ist nicht an das wesensmäßige Leben und die gleichbleibende Struktur des Körpers gebunden. Die Beschreibung ist ein Element der graphischen Darstellung und der Dekoration. Wir behaupten, daß die Linie nur die Richtung statischer Kräfte und deren Rhythmus in den Dingen angibt.

3. Wir lehnen das Volumen als malerische und plastische Raumform ab. Man kann einen Raum ebensowenig nach dem Umfang bestimmen, wie man Flüssigkeit nach Metern messen kann: seht unseren Raum an … was ist er anderes als eine fortlaufende Tiefenausdehnung? Wir behaupten, daß die Tiefe die einzige malerische und plastische Raumform ist.

4. Wir lehnen in der Skulptur die Masse als plastisches Element ab. Es ist jedem Ingenieur bekannt, daß die statischen Kräfte eines festen Körpers und seine materielle Stärke nicht von der Masse abhängig sind … etwa bei einer Schiene, einem T-Träger usw. Doch ihr, Bildhauer aller Schattierungen und Richtungen, ihr haltet immer noch an dem alten Vorurteil fest, man könne das Volumen nicht von der Masse befreien. So nehmen wir der Skulptur die Linie als Richtungsweiser zurück und erklären damit die Tiefe zur einzigen Raumform.

5. Wir weisen den tausendjährigen, von der ägyptischen Kunst ererbten Irrtum zurück, daß die statischen Rhythmen die einzigen Elemente des bildnerischen Schaffens seien. Wir erkennen in der bildenden Kunst ein neues Element, die kinetischen Rhythmen, als Grundformen unserer Wahrnehmung der realen Zeit.

Das sind die fünf Grundprinzipien unseres Werkes und unserer konstruktiven Technik.“

Den ganzen Text des Manifestes unter: Realistisches Manifest

Siehe auch:

Das Realistische Manifest I – von Gegenwart und Zukunft

 

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