Geometrische Abstraktion versus Konkrete Kunst

Vorgestern habe ich schon über die Geometrische Abstraktion geschrieben und schon kurz dargestellt, dass es die Systematisierung im Bildaufbau ist, was die geometrische Abstraktion von der Konkreten Kunst trennt. Während die geometrische Abstraktion geometrische Formen als Gestaltungsmittel nutzt, geht die Konkrete Kunst noch weiter und nutz die Systematisierung von geometrischen Formen als Gestaltungsmittel:

„Der Schweizer Richard Paul Lohse stellte die konkrete oder serielle Kunst, wie er sie dann nannte, in einen neuen Sinnzusammenhang, indem er das serielle Prinzip, das alle Elemente des Bildes gleichartig behandelt, als radikales Demokratieprinzip betrachtete. Die systematische Methode der Bildgestaltung sieht er als adäquaten Ausdruck für die strukturelle Denkweise, mit der sich eine technologisch orientierte Zivilisation die Welt aneignet.

Bereits 1943 führte Lohse Farbformen als Standardelemente oder Teileinheiten in die konkrete Bildgestaltung ein‚ um kombinatorisch Gruppen zu bilden und diese wiederum als Bildkonzept zu variieren. Rechteck, Quadrat und Farbbänder bilden ein Netz formaler und farbiger Beziehungen. Entscheidend ist, dass die Formelemente nicht mehr während des Arbeitsprozesses entstehen, sondern konzeptionell vorbestimmt werden. Systematisieren heißt demnach auch, dass der erste Arbeitsschritt alle weiteren bedingt.

In Hinblick auf die Systematisierung der Gestaltungsmittel waren die ‚Zürcher Konkreten‘ nach 1945 den Vertretern einer geometrischen Abstraktion somit einen entscheidenden Schritt voraus. Die Prinzipien konkreter Kunst fanden zwar über Veröffentlichungen auch Eingang in die entsprechenden Pariser Künstlerkreise, doch unter der Vorherrschaft der abstrakten Kunst erfuhr die geometrische Abstraktion zunächst eine Neubelebung und Fortsetzung. Hierbei herrscht die Wahl individueller Gestaltungsmöglichkeiten, das Komponieren und das individuelle Ausbalancieren geometrischer Formen vor, was die Werke Jean Dewasne, Jean Deyrolle, Robert Jacobsen, Alberto Magnelli und auch … von Günter Fruhtrunk erkennen lassen. Charakteristisch für die geometrische Abstraktion ist, dass das geometrische Element — der Kreis oder das Quadrat — nicht in einen systematisch-strukturellen Verband eingeordnet ist, sondern als Bildzeichen eingesetzt wird, das verschiedene Bedeutungen annehmen und so über sich hinausweisen kann.

Erst in den fünfziger Jahren vollzogen Künstler wie Vasarely und Morellet in Frankreich, Jo Delahaut in Belgien, Nigro in Italien, Fruhtrunk und Heijo Hangen in Deutschland die Entwicklung vom intuitiv komponierten zum systematisch konstruierten Bild. …“

Quelle: Beate Reese: “Die europaweite Ausbreitung der konkreten Kunst nach 1945“, in: Konkrete Kunst in Europa nach 1945, Hrsg. von Museum im Kulturspeicher Würzburg, Ostfildern-Ruit, 2002, S. 262

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