Norbert Kricke und die geistige Heimat von Joseph Beuys

Gestern habe ich über die Auseinandersetzung zwischen Norbert Kricke und Joseph Beuys geschrieben. In der öffentlichen Auseinandersetzung der beiden, hat Norbert Kricke 1968 seinen Standpunkt in DER ZEIT veröffentlicht. Hier ein kleiner Auszug daraus:

„Der Fall Beuys ist kein Fall, vielmehr ist er eine elende Geschichte vom grotesken Eifer schneller Skribenten, mangelhaft und einseitig informiert, zu eilig, zu schwärmend, zu viel Trompete, zu viel auf die Pauke. Es gibt eben doch viel mehr Werber und Publizisten als kritische Geister im Lande, und das beunruhigt mich. …

Schwarm, Rausch und gemeinsame Heilsgesänge sollte man nicht verwechseln mit künstlerischer Arbeit, die Lehrende und Lernende betreiben, mit dem freien geistigen Spiel, mit dem Dialog, der dem jungen Künstler hilft, seine Persönlichkeit zu bilden.

Norbert Kricke, Große Mannesmann, 1960, Düsseldorf
(c) Hans Peter Schaefer, Kricke Norbert Grosse Mannesmann 1960 DüsseldorfCC BY-SA 3.0

Beuys und seine Schüler schwärmen. Fanatisierte Jünger des Meisters durchlaufen die Akademie wie ferngelenkte Medien, tuscheln und rascheln und zeigen eine insektenhafte Aktivität, sind clever, eifrig und emsig wie Maos kleine Chinesen. …

Beuys liebt die Akademie, er liebt sie auf seine Art, doch mich macht es nachdenklich, wenn ein Künstler von heute nicht ohne Gefolgschaft und bergende Institution leben kann, wenn er die Akademie als Zuflucht und Heim benutzt und sich an sie klammert. Er braucht sie und gebraucht sie. So sieht er also aus, „der westdeutsch Avantgardist und mutigste Künstler unserer Zeit“, er spannt sie alle für sich ein, Galeristen, Kirchenfürsten, Presse, Rundfunk, Fernsehschau fordern seine Verbeamtung.

Angst scheint seine Triebkraft zu sein, sie sitzt tief und überall bei ihm: Technik ist böse, Heute ist böse, Autos sind schrecklich, Computer unmenschlich, Fernseher auch, Raketen sind furchtbar, Atome gespalten zerrütten die Welt. Flucht in das Gestern, Besserung der Menschen, Sehnsucht nach rückwärts: altes Gerät, Kordeln mit Gebündeltem, Staub und Filz, Befettetes, Wachs und Holz, mürbes Gewebe, Trockenes und Geschmolzenes, alles serviert er grau, braun und schwarz wie dunkel gewordene alte Gemälde, Museumsstaub, Museumsgeruch an allen Objekten schon bei der Entstehung, dämmerig und wenig belüftet die Welt seiner Dinge; dauerndes Spiel, Versteck im Versteck, Wachs auf der Kiste, Fett im Eck, in den Teppichrollen qualvoll lange drinnen bleiben: Er nimmt es auf sich für uns alle. Das ist sein Anspruch: Vertreter im Leiden, er spielt den Messias, er will uns bekehren, er will die Akademie die Rolle der Kirchen übernehmen lassen – das ist für mich sein Jesu-Kitsch.

Die ersatzkünstlerische, ausweichende, formlose Sendung und Heilandsmanier steigert sich ins Unerträgliche. Auch die Politik soll besser werden, nicht mehr lügen, Wahrheit sagen, Gutes tun und Händchen halten. Phrasen zur Verbesserung, Heilsverkündung, Nächstenliebe.

Anders der Künstler in seinen Aktionen: Hasenschlachten, Blutgeschmiere ins Gesicht und an die Wände, und zum Hasen selbst verwandelt nimmt Kontakt er auf zum „Geist“. Spiritismus und Beschwörung, Opferszenen vor den Heiden, all dieses ist Ausdruck seiner Sehnsucht nach Vergangenheit, die ihn befreit vom Druck und der Bedrohung, wie er sie durch die Gegenwart zu erfahren glaubt. Er kommt vom linken Niederrhein, der auch seine geistige Heimat geblieben ist.

Kunst bringt uns Neues, Beuys bringt Altes. Wenn unsere Welt aus seinen Materialien gebaut wäre, sie wäre aus Pappe, Filz und Papier und geistig noch mehr von gestern. Nicht ein Phänomen unseres Jahrhunderts hat er in Form gebracht – Weltanschauung, Gruppengeist, Gemeinschaftsfieber gelten nicht für Form, die er uns schuldig bleibt. Er gibt von allem ein bißchen, vom Kalten, vom Warmen, vom Kreuz und vom Blut, vom Guten, vom Bösen – und alles ganz sentimental. Beuys ist kein Fall, wenigstens kein künstlerischer, er scheint ein Fall zu sein für Soziologen, Politologen, Psychologen, Theologen, Mythologen – and last but not least Beamtologen.

Quelle: Norbert Kricke, „Kein Fall für mich“, erschienen in DIE ZEIT, 20.12.1968, online unter: https://www.zeit.de/1968/51/kein-fall-fuer-mich/komplettansicht, aufgerufen am 20.02.2020

2 Gedanken zu “Norbert Kricke und die geistige Heimat von Joseph Beuys

  1. Das ist wirklich eine spannende Meinung zu Beuys, obwohl sie schon 50 Jahre alt ist. Mir wurde bewusst, dass Beuys seine Filz und Fett-Experimente machte, als sich die Gesellschaft an buntem Plastik und schnellen Autos begeisterte. Ja, und dass Kunst die neue Religion ist, das ist wirklich tiefster Biedermeier, auch da hat Kricke recht.
    Danke für’s Ausgraben.

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