Primitivismus – zwischen Stammeskultur und Moderne

Ein weiterer der „-ismus“ Kunststile: der Primitivismus. Ein weitere Kunststil, der die moderne Kunst geprägt hat. Schon eine Liste der wesentlichen Vertreter dieses Stils zeigt die vermeintliche Bedeutung auf: Max Ernst, Paul Gaugin, Henry Moore, Pablo Picasso, Amedeo Modigliani, Ernst Ludwig Kirchner, …

Zunächst ist der Primitivismus in der Kunst ein Besterben von Künstlern, sich mit archaischer, ethnologischer Kunst zu beschäftigen. Eine Kunst, die nicht zur eigenen, klassischen Kunsthistorie gehört. Dabei spielen insbesondere die Plastiken der Stammeskulturen eine besondere Rolle. Die Künstler sprechen zu jener Zeit Anfang des letzten Jahrhunderts übrigens meist nicht von Plastiken, sondern von Fetischen. Fetische deswegen, weil die Kunst der Naturvölker oft Übernatürliches, Beschwörendes an sich hat und man damals noch nicht weiß, dass beispielsweise auch die afrikanische Kunst ihre Meister, ihre Schulen und ihre Stilrichtungen hat.

Amedeo_Modigliani,_1912,_Metropolitan_Museum_of_Art

Amedeo Modigliani, Der Kopf, 1912, Museum of Modern Art, New York, Public Domian

Dem Primitivismus der modernen Kunst geht es allerdings weniger um die Abbildung fremder Länder und deren Kulturen als darum, von nicht westlichen Kunstwerken formal etwas zu lernen. Während diese nicht westliche Kunst Pablo Picasso neue strukturelle Herangehensweisen eröffnet und seinen Aufbruch zu den formalen Experimenten des Kubismus beförderte, ließen sich viele andere, etwa die Expressionisten Emil Nolde und Ernst Ludwig Kirchner, von der emotionalen Authentizität dieser Kunst in den Bann ziehen. Der Italiener Amedeo Modigliani ahmt in seinen Werken die lang gezogenen Formen der Stammeskunst nach; der Engländer Henry Moore nutzt präkolumbianische Arbeiten aus Mittel- und Südamerika als Ausgangspunkt für seine semifigurativen Skulpturen.

Man meint zu spüren, dass die westliche Kunst seit der Renaissance einen reinen menschlichen Ausdruck durch akademische Kunstfertigkeit zugedeckt habe. Das unverfälschte „Primitive“ aus einer anderen Tradition könnte im Gegensatz dazu frei von allem Kalkül Kunst hervorbringen, in deren Kraft und Einfachheit eine größere emotionale und spirituelle Wahrheit liegt. Eine solche Haltung zeigte sich schon in den mystischen Gemälden, die Paul Gauguin Ende des 19. Jahrhunderts auf Tahiti malt.

Der Primitivismus stellt im Kern eine Simplifizierung dar. In der Unterstellung, dass nicht-westliche Künstler allesamt dem Instinkt und nicht dem Verstand folgen, lebt die kolonialistische Denkweise fort. Die komplexen Bedeutungen, die nicht westliche Kunstobjekte für ihre Schöpfer hatten, werden im Allgemeinen missachtet, und Kunstwerke aus jüngerer Zeit werden nicht immer von Objekten unterschieden, die Jahrzehnte oder Jahrhunderte älter waren, als ob die Regionen, in denen sie entstanden waren, keine Kulturgeschichte hätten. Die Avantgarde mag diese Kunst für ihre Vitalität und Klarheit gefeiert haben, geht bei ihrer Aneignung aber einen bequemen, wenig respektvollen Weg.

Quelle: vgl. Sam Phillips: „Primitivismus“, in: ‚Moderne Kunst verstehen – vom Impressionismus ins 21. Jahrhundert‘, Leipzig, 2015, S. 36f.

 

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