Die Frage nach der Wirklichkeit

Über die Realität, über die Wirklichkeit und über die Notwendigkeit von Kunst sich mit Realität und Wirklichkeit auseinanderzusetzen: Ein Auszug aus einem – lesenswerten! – vierzig Jahre alten Artikel über die vermeintlich realitätsfremde Kunst der zwanziger Jahre von Werner Schmalenbach, einem Kurator und Kunsthistoriker, der lange die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen geleitet hat:

„An die Kunst der zwanziger Jahre mochte man, ja ich meine, muss man die Gretchenfrage richten: wie hast du’s, wie habt ihr’s, wie hattet ihr’s mit der Realität? Wie verhielt sich diese vielgepriesene, vielgescholtene Kunst der zwanziger Jahre zur Wirklichkeit? Vielleicht ist diese Frage überhaupt und grundsätzlich an alle Kunst zu-richten: denn alle Kunst, zu allen Zeiten, ist doch wohl ein Mittel, die Wirklichkeit zu bewältigen, der Wirklichkeit zu begegnen, mit der Wirklichkeit irgendwie fertig zu werden oder ihr irgendeinen Sinn zu geben.

Die Frage nach der Wirklichkeit ist immer gestellt. Aber gilt das auch für die Kunst dieser zwischen Zwei Weltkriege eingekeilten Dekade? Präsentiert sich die Kunst der zwanziger Jahre nicht extrem wirklichkeitsfern, als ein circulus vitiosus stilistischer Ideen, als ein wahrer Hexenkessel von reinen Stilkonzepten, als ein Sturm im ästhetischen Wasserglas? Als etwas also, das zwar viel mit Kunst, aber herzlich wenig mit der Wirklichkeit zu tun hatte? Denken Sie doch nur an all die ästhetischen Ideologien, die da nach der ersten, heroischen Phase der Moderne, nach Kubismus, Futurismus und Expressionismus auf den Plan traten: Dadaismus, Abstraktionismus und Purismus, Geometrismus und Konstruktivismus, Suprematismus und Neoplastizismus, Verismus und Surrealismus, und wie sie alle hießen. In Anbetracht dieses fröhlichen Lateins ist man versucht zu sagen, die Kunst habe sich im Kreise gedreht, mehr mit ihren eigenen Methoden als mit der Realität befasst.

Und diese Realität war doch weiß Gott eine bedrängende und beklemmende, ein mühsames Atemholen zwischen zwei Weltkatastrophen ungeheuerlichen Ausmaßes.“

Quelle: Werner Schmalenbach: „Die Zumutung der Kunst“, 02.09.1977, aktualisiert am 21.11.2012, unter: Zeit-Online, http://www.zeit.de/1977/36/die-zumutung-der-kunst/komplettansicht

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