Sam Gilliam und der Jazz

Mal wieder ein wenig weg von der Konkreten Kunst hin zu einem us-amerikanischen Künstler der Farbfeldmalerei und der lyrischen Abstraktion: Sam Gilliam. Er wurde in letzten Jahr erstmals mit einer großen Einzelausstellung in Europa geehrt. Das Kunstmuseum Basel zeigte seine außergewöhnlichen Werke – allen voran seine sogenannten „Drape Paintings“. Über die Ausstellung habe ich hier geschrieben: Sam Gilliam in Basel

Drape Painting: Sam Gilliam, 
Wall Cascade with Mirror, 2011, (c) under FairUse

„1962 zieht ein 29-jähriger Maler von Louisville im Bundesstaat Kentucky nach Washington D.C. Er hat sich bisher mit dem deutschen Expressionismus und den figurativen Malern der San Francisco Bay beschäftigt… Die Kunstszene im ganzen Land ist im Umbruch, auch in der Hauptstadt. Die neue Generation verabschiedet sich vom abstrakten Expressionismus. Minimal und Pop-Art stehen an, Performance und Konzeptkunst halten Einzug in Galerien und Museen. …

Gilliam … beschäftigt sich mit der Farbfeldmalerei von Marc Rothko, Louis Morris und Kenneth Noland. Seine eigentliche Inspirationsquelle sind jedoch die Jazzer. «Before painting there was Jazz», sollte er später sagen. Ihn beschäftigt die Frage, wie die Einschränkung beim Malen durch das vorgegebene Rechteck oder Quadrat gesprengt werden könnte – analog zum Free Jazz eines Coltrane.

Es entstehen zuerst Aquarelle auf gefaltetem oder zerknitterten Papier. Dann überträgt er diese Technik auf große Formate. Gilliam gießt stark verdünnte Farbe auf unpräparierte Leinwände, faltet diese zusammen und wieder auseinander. Anschließend spannt er das Tuch auf einen gegen außen abgeschrägten Keilrahmen. Der Effekt ist verblüffend: Die Bilder scheinen vor der Wand zu schweben. Sie erinnern mit ihren Farbspritzern und zufälligen Verläufen einerseits an Jackson Pollock, andererseits an die späten Seerosenbilder von Claude Monet.

Gilliam ist die Transformation vom gerahmten Bild in ein Objekt jedoch nicht genug. 1967 geht er einen Schritt weiter. Er spannt seine Bilder gar nicht mehr auf Rahmen, sondern hängt die Leinwände lose an die Wand oder an die Decke, lässt sie zusammengefaltet wie Vorhänge oder eingestürzte Zelte den ganzen Raum in Beschlag nehmen. Gilliam präsentiert damit eine Erweiterung von Malerei, wie sie bis dato nicht existierte. Die amerikanische Kunstszene hat sich zu dieser Zeit eigentlich von jeglicher gestischen Malerei verabschiedet. Gilliams Vorschlag macht jedoch Furore. 1971 richtet ihm das Museum of Modern Art in New York eine Einzelausstellung aus. Ein Jahr später vertritt er als erster Afroamerikaner die USA an der Biennale von Venedig.“

Quelle: Mathias Balzer, Der lange Weg des Sam Gilliam nach Europa, az Aargauer Zeitung Kultur online, unter: https://www.aargauerzeitung.ch/kultur/der-lange-weg-des-sam-gilliam  aufgerufen am 07.12.2018

Eine ganze Reihe seiner Werke findet sich bei WikiArt: Sam Gilliam

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