„Für das Neue“

Werner Graeff, den ich in den letzten Tagen hier vorgestellt habe, formuliert das Selbstverständnis der De Stijl Künstler in einem Gedicht, dass im De Stijl Magazin 1922 abgedruckt wird und uns tatsächlich noch heute die Aufbruchsstimmung dieser Jahre in der Kunst erahnen lässt:

Werner Graeff, Marlsku (1970-1972), Skulpturenmuseum Glaskasten, Marl
Von Gerardus – Eigenes Werk, Gemeinfrei, Quelle: WikiCommens

Für das Neue

Wir jungen Künstler geben uns Rechenschaft über das, was wir tun.
Wir wollen gestalten.
Wir dürfen nicht Jahre hinter der Entwicklung herhinken.
Wir müssen in der ersten Reihe stehen.
Wir wollen für das Leben arbeiten, nicht für Museen, nicht für solche, die
es sich leisten können, nicht einmal nur für uns selbst.
Wir sind glücklich, eben jetzt zu leben.
Wir sind lebensstark genug, die größte Freude an Industrie und Technik zu haben; wir sind fähig, in der Weltstadt zu leben.
Wir schaffen das Gesamtkunstwerk. Die Zusammenarbeit von Architektur und Plastik und Malerei (gemeinsam) mit Industrie und Technik, Leben. Darum geben wir den Individualismus auf.
Denn anders ist Zusammenarbeit nicht möglich.
Wir geben uns selbst auf für die Idee.
Was gehen andere meine Gefühle an?
Wir wollen nur noch Universales gestalten.
Nur Allgemeingültiges.
Größte Klarheit, Wahrheit, Offenheit, Ordnung, Ausgeglichenheit, Allgemeingültigkeit, Selbstverständlichkeit.
Wir arbeiten mit den elementarsten Mitteln überindividuell,
Wer pflegt noch die Persönlichkeit?
Wir haben alle Namen begraben.
Unsere eigenen zuerst.Wer malt noch Bilder für Museen?
Wir malen nicht für Leichenhallen.Oder für Sammelwütige.
Wir kennen und schätzen die photomechanische Reproduktion.
Wer gestaltet noch seine persönlichen Gefühle und Erlebnisse?
Den neuen Menschen interessieren individuelle Gefühle nicht.
Nur noch Allgemeingültiges, Universales.
Es schmerzt Euch, einen Gasometer in der übrigens schönen Landschaft zu sehen? Wir lachen!
Allerdings: wir haben ja auch mehr als Ihr.
Denn wir lieben den Kontrast.
Ihr habt nur die schwankenden Halme, die bunten Schnecken, Igel, Nachtigallen, die Erdbeeren, Meere und Pinguine.
Die haben wir auch.
Aber die Räder stören Euch und die Geschwindigkeiten und die schnurgeraden Linien. Uns nicht!
Wir lachen und sausen staunend blitzschnell um den Erdball (siebenmal in der Sekunde!).
Ihr haltet Euch die Ohren zu und schließt nervös die Augen.
Wir öffnen sie weit und wundern uns über die Kräfte.
Kolben, Spulen, Kupferdrähte. Spiegelblanke Riemenscheiben rotieren summend (doch exakt).
Heiße Kessel fressen Berge, trinken Seen, spucken Sterne und zeigen ihre Wunder (nach Stunden).
Ganz recht!
Das alles ist sehr gefährlich.
Für Euch.
Nicht für uns,
Denn wir kennen unsere Kräfte und wir sind in unsere Zeit geboren.
Aber das große Grab ist ja längst gegraben.
Steigt getrost hinein.
Dort seid Ihr geborgen.

Quelle: Weimar, März 1922.Werner GraeffQuelle: Werner Graeff: „Für das Neue“, Zeitschrift „De Stijl“, 1922, S. 215f., unter: https://dbnl.org/tekst/_sti001stij03_01/_sti001stij03_01_0081.php; aufgerufen am 26.07.2020

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