Die Verherrlichung der Moderne

Noch ein letzter Beitrag zum Futurismus, der mich in den letzten Tagen beschäftigt hat. In einem Artikel des Tagesspiegels von 2009 wird der Futurismus anlässlich der Veröffentlichung des futuristischen Manifest 1909 gewürdigt. In dem Manifest „… stimmt Filippo Tommaso Marinetti, der Propagandist der neuen Richtung, das Hohelied auf die Moderne an – eine Moderne, die in seiner italienischen Heimat noch kaum begonnen hat. …

Marinetti spricht von Literatur, er selbst war Schriftsteller. Der Futurismus – und das unterscheidet ihn von anderen Moderne-Strömungen im anbrechenden 20. Jahrhundert – sollte kein ästhetisches Programm sein und nicht verengt auf die bildenden Künste. Er wollte alle Lebensäußerungen durchdringen, das Leben selbst in aller Kraft und Gewalttätigkeit feiern. So schrieb Marinetti in These 9 seines „Manifests“: „Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt – den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt.“ Allzu prophetisch waren diese Sätze, sie wurden mit dem August 1914 zur blutigen Realität. Es verwundert nicht, dass Marinetti und mit ihm die „zweite Generation“ der Futuristen bei Mussolinis Faschismus Zuflucht fanden, als die erste Generation der europäischen Moderne auf den Schlachtfeldern des Weltkriegs gefallen oder, so sie überlebte, aus allem Zukunftsrausch gerissen worden war. Doch in jener Spanne zwischen Anfang 1909 und Hochsommer 1914 beflügelte der Futurismus die Avantgarde ganz Europas. …

Die Malerei, auf die der Futurismus in heutigen Ausstellungen fast immer reduziert wird, folgt am stärksten den vorgebahnten Wegen der Moderne. Vom Kubismus nimmt sie die Mehransichtigkeit, doch aufgeladen mit Palette und Pinselstrich des italienischen „Divisionismus“, der über dem Futurismus jahrzehntelang in Vergessenheit geriet. Aus dem Symbolismus ragen Motive herüber, wie bei Umberto Boccionis Bildfolge der „Seelenzustände“, und wechseln mit solchen, die das „Manifest“ gefordert hatte, wie in Carlo Carràs „Begräbnis des Anarchisten Galli“ von 1911.

Umberto Boccioni, Seelenzustände III, 1911,
(c) gemeinfrei

Die Abscheu der Futurismus-Begründer galt der Rückständigkeit ihrer Heimat. „Wir wollen dieses Land von dem Krebsgeschwür der Professoren, Archäologen, Fremdenführer und Antiquare befreien“, donnerte Marinetti … Daraus wurde bekanntlich nichts. Der Futurismus wird in allen Museen als Revolution auf der Leinwand inszeniert, unterhaltsam und folgenlos. …

Heutzutage fällt auf, dass die frühen Werke des Futurismus mit dem eigenen Anspruch an Modernität selten Schritt halten. Carràs Bilder von Straßenbahnen und Lokomotiven, im Vorbeirasen gesehen, verweisen auf die Errungenschaften der Bewegungsfotografie, die den Futuristen geläufig waren. Es gibt im Übrigen eine futuristische Fotografie, die die Seherfahrungen schneller Bewegung aufnimmt. Und es gibt futuristische Musik oder besser Lautmalerei, vorgetragen von eigens konstruierten Lärmmaschinen, die die Geräusche der Maschinenwelt imitieren. Es sind solche experimentellen Formen, in denen die Ziele des Futurismus womöglich deutlicher zutage treten als in der Malerei. …

So wird der Futurismus bis heute gefeiert: als Verherrlichung der Moderne in ihren sichtbaren Äußerungen. Doch seine größte Leistung liegt womöglich in den unsichtbaren Formen der Musik und der Poetik. In dem untergründigen Brummen der „Geräuschmaschinen“ und der Einführung von „Lärm, Gewicht und Geruch“, wie Marinetti 1912 gefordert hatte.“

Quelle: „100 Jahre Futurismus – Gewalt, Grandezza, Geschwindigkeit“, Tagesspiegel-Online vom 19.02.2009, unter: https://www.tagesspiegel.de/kultur/100-jahre-futurismus , aufgerufen am 02.11.2019

Für eine vertiefende Beschäftigung mit den Künstlern des Futurismus sei einmal mehr WikiArt empfohlen: Futurismus

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