Farbe ist konkret! Jedes Bild ist ein Farbgedanke

Theo van Doesburg setzt sich in seinen theoretischen Schriften immer wieder mit der Farbe auseinander. Farbe hat für die Konkret Kunst wesentlich Bedeutung. Konkrete Kunst ist ohne Farbe eigentlich kaum denkbar. Diese grundlegende Erkenntnis hat bereits Theo van Doesburg 1930 in seinen „Kommentaren zur Grundlage der konkreten Malerei“ eindeutig formuliert: „Konkrete Malerei, nicht abstrakte, weil nichts konkreter, nichts wirklicher ist als eine Linie, eine Farbe, eine Fläche. (…) In der Malerei ist nichts wahr außer der Farbe. Die Farbe ist eine konstante Energie, sie bestimmt sich durch den Gegensatz zu einer anderen Farbe. Die Farbe ist die Grundsubstanz der Malerei; sie bedeutet nichts als sich selbst.“

„Dies ist zunächst völlig korrekt, doch presste van Doesburg diese Grundsubstanz in ein Gedankengebäude, das ein Spätausläufer der Disegno-Theorie des 16. Jahrhunderts zu sein scheint. Den Kommentaren geht der Text „Die Grundlage der konkreten Malerei“ voraus, und deren 2. Grundsatz – „Das Kunstwerk muss vor seiner Ausführung vollständig im Geist entworfen und ausgestaltet worden sein“ – hätte jedenfalls jeder Künstler im Umkreis Giorgio Vasaris und Michelangelos unterschreiben können. In der Konsequenz fuhr van Doesburg in den Kommentaren fort: „Die Malerei ist ein Mittel, um Gedanken visuell zu verwirklichen: Jedes Bild ist ein Farbgedanke. (…) Wir (…) arbeiten auf der Grundlage von (euklidischer und nichteuklidischer) Mathematik und Wissenschaft, d.h. mit intellektuellen Mitteln. Vor seiner materiellen Verwirklichung existiert das Kunstwerk bereits vollständig im Geist.“

Komposition_1923-1924_by_Theo_van_Doesburg

Von Theo van Doesburg, Komposition, 1923-24, Gemeinfrei

Wenn aber das Werk als Konkretisierung von Ideen verstanden wird, wird die irrationale Natur der Farbe ignoriert. Van Doesburg stellte sie unter den Primat der Idee („Farbgedanke“), leugnete also im Grunde das von ihm selbst bereits benannte eigenenergetische Potenzial der Farbe („konstante Energie“) wie auch die Tatsache, dass beispielsweise jeder mit dem Begriff einer Farbe eine je individuelle, eigene Vorstellung verbindet. Jeder „Farbgedanke“ entzieht sich damit von vornherein der Ratio.

Van Doesburgs Vorstellung einer Konkreten Kunst war die einer mittels Farbe umgesetzten Gedankenmalerei, und ebenso wie im 16. Jahrhundert die Disegno-Theorie4 eine formbetonte Malerei zu Ungunsten der Farbe hervorbrachte, wurde die auf van Doesburg aufbauende Konkrete Kunst in erster Linie von der zumeist mathematisch begründeten Form dominiert, in welche die Farbe in der Folge oft genug nur mit vorgefundenen Grundfarben gefüllt wurde. Van Doesburgs eigene, primäre Erkenntnis, dass Farbe die Grundsubstanz der Malerei sei, wurde von ihm selbst im Grunde nicht konsequent durchdacht und geriet durch die Formdominanz geradezu zwangsläufig in den Hintergrund.“

Quelle: Matthias Blyle: „Farbmalerei: Farbrelationen und Monochromie“, in: Die Idee Konkret, hrsg. von Tobias Hoffmann, Museum für konkrete Kunst Ingolstadt, Wienand Verlag, Köln, S. 87f.

4 Gedanken zu “Farbe ist konkret! Jedes Bild ist ein Farbgedanke

  1. Wunderbar – vor allem, dass „Farbe konkrete Energie“ sei gefällt mir hier zu lesen. Es gehört auch zu meiner konkreten Erfahrung 🙂 Den „Farbgedanken“ werde ich nachspüren, z.B. welche Farben haben die Gedanken, die mich froh oder betrübt stimmen … Danke!

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