„Er hat vom Fliegen geträumt, davon, sich wie Dädalus aus eigener Kraft in die Luft zu wuchten, flügelschlagend, hoch hinaus. Ein Phantast, ein Visionär, einer der größten Vordenker der russischen Moderne war er, Wladimir Tatlin, noch dazu ein technisch begabter, der imstande war, einen Flugapparat zu bauen, den berühmten „Letatlin“.

Aber wie bei vielen Träumern schien auch bei Tatlin, 1885 in Moskau geboren, 1953 dort gestorben, nur wenig Handfestes überdauert zu haben. Zwei der drei „Letatlins“ wurden zerstört. Auch, was er sonst geschaffen hatte, galt als kaputt, verschollen, von kommunistischer Doktrin verdrängt. …
Tatlin beginnt seine Laufbahn mit 19 Jahren, 1905, als Kunststudent. Da hat er schon einiges hinter sich, selbst einen Trip als Schiffsjunge, nachdem er mit 14 von zu Hause ausgerissen war. Er wird rasch einer der anerkanntesten Maler der Avantgarde. Im Frühjahr 1914 fährt er zu Picasso nach Paris und fleht ihn an, mit ihm arbeiten zu dürfen. Vergebens. …
In den kommenden zwei Jahrzehnten wird er kaum malen. Er erfindet. Er experimentiert. Er entfernt sich immer weiter von dem, was ein klassischer Künstler zu tun und zu lassen hat. Designer wird er, Bühnenbildner, einer der besten, wie die Ausstellung belegt, auch Techniker, Möbelbauer: ein Gesamtkünstler mit einem Gesamtlebenskunstwerk.
Als erstes baut er Bilder aus Holz, Metall und Glas, Draht, Pappe, Tapetenfetzen und Seil. Materialakrobatik, wie sie kein anderer je gewagt hat, abstrakt und austariert. Alles läßt sich einbauen. Damit schocken Tatlins Bilder schon die Zeitgenossen. Aber dann holt er sie auch noch von den Wänden, hängt sie in den Raum, als Grenzgänger zwischen Fläche und Form. Er arbeitet immer allein, in geheimniskrämerischer Manier, ein Außenseiter trotz aller Anerkennung. Er will es nicht anders. …
1919 erhält Tatlin den Auftrag, ein Denkmal der III. Internationale zu bauen. Er schlägt einen Spiralturm vor, der sich 400 Meter hoch schräg in den Himmel schrauben soll. Der wird nie gebaut. Der schiefe Turm von Moskau bleibt immer Modell. Doch er feuert die Debatten an, wird verteidigt oder verspottet, und er wird sogar bei einer Parade durch die Stadt getragen.
Wieder ein Paradox: ein Hauptwerk, das vor allem aus einer Idee besteht. Aber welch große Idee. In Tatlins Werk, so eng mit seiner Zeit verquickt, lebt zugleich immer mehr als diese Zeit. Sein Turm, das ist der Turm zu Babel, das sind alle Himmelsstürmereien der Geschichte. Tatlin träumt größer. Das macht sein Werk groß. Sein „Letatlin“ hat natürlich auch nie von der Erde abgehoben. Aber der Traum des Dädalus steckt darin, dem Menschen das Gefühl des Fliegens zurückzugeben“
Quelle: Spiegel-Online, „Ausstellungen – Hoch in den Himmel“ vom 06.09.1993, unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13682604.html aufgerufen am 18.06.2018
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