Jean Hélion – Baguette, Regenschirm und Kürbis

Noch einmal zum 1904 geborenen französischen Maler Jean Hélion. Habe einen Text aus dem Jahre 1987 in der Zeit gefunden, die den Künstler anlässlich seines Todes 1987 würdigt:

„Jean Hélion war ein Maler der Brüche … und über Jahrzehnte hinweg hat man ihm seine Stilkehren, seine Selbsterforschung, ja seine Selbstkritiken übelgenommen. Es ist noch nicht lange her, daß er endlich zu Ehren kam, …

Leicht, das stimmt schon, hat er es weder sich noch den Kunstfreunden gemacht. 1929 malt er im Gefolge von Mondrian und Theo van Doesburg eine Reihe von orthogonalen Gefrierabstraktionen; er gründet im Jahr darauf mit Arp, Kupka, Delaunay, Vantongerloo und anderen die heute berühmte Gruppe „Abstraction-Création“, an der Mondrian allerdings nicht teilnahm: Hélion, so soll er getadelt haben, sei eigentlich ein naturalistischer Maler. Das war gar nicht einmal falsch gesehen, hält man sich Heiions spätere Entwicklung vor Augen. Um 1932 jedenfalls entstehen zwar noch abstrakte, aber schon an Naturformen erinnernde Gebilde, pralle, glatte oder starkfarbige Körper, die sich auf der Fläche verschränken. …

Hélion, so schien es bis 1938, war ein fester Wert innerhalb einer „biomorph“ oder „organisch“ genannten abstrakten Kunst. Daß niemand so richtig hinsah, als im folgenden die Formen auseinanderstrebten, muß ebenso zum jähen Entsetzen beigetragen haben wie die Tatsache, daß der Maler seine Werknotizen für sich behielt: im Gegensatz zu den energischen, mit Aplomb gemalten Bildern zeugen sie von Skrupeln, ja von Zweifel. Das Entsetzen artikulierte sich dann im Jahr 1944, anläßlich einer Ausstellung bei Paul Rosenberg in New York: Hélion führte gegenständliche Bilder vor, nicht etwa rätselhafte oder surrealistische, sondern solche mit einfachen Themen wie einen Mann mit gelbem Hut, einen Mann mit Regenschirm, einen Grüßenden, einen Rauchenden. …

1940 kehrte Hélion aus Amerika, wo er einige Zeit verbracht hatte, nach Frankreich zurück, wurde Soldat und geriet im Juni in deutsche Gefangenschaft. Es gelang ihm zwei Jahre darauf zu fliehen und, nach einer Odyssee, von Marseille aus in die Staaten zurückzukehren. 1943 veröffentlichte er einen Bericht über Gefangenschaft und Flucht mit dem Titel „They shall not have me“. Das Buch wurde ein Bestseller. Ein Apostat in Sachen Kunst schreibt einen Bestseller, in dem nicht einmal von Kunst die Rede ist: man kann sich vorstellen, wie manch einer … von Hélion sprach, zumal in den Bildern noch immer keine Rätsel, sondern einfache Dinge, eine Baguette, ein Regenschirm oder die gravitätischen Kürbisse auftauchten.“

Quelle: Hans Platschek: „Zwei Außenseiter“, Zeit-Online vom 6. November 1987, unter: http://www.zeit.de/1987/46/zwei-aussenseiter, aufgerufen am 23.01.2018

 

 

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