Das menschliche Denken bedarf einer Stütze im Visuellen

„Das menschliche Denken bedarf einer Stütze im Visuellen.“

So erklärt Max Bill seine konkrete Kunst und kommt damit zu einer wagemutigen und faszinierenden Behauptung:

„Die Kunst kann das Denken vermitteln in einer Weise, dass der Gedanke direkt wahrnehmbare Information ist.“

„Damit ist der Kernsatz der mathematischen Denkweise formuliert: Die Geometrie wird nicht als Zwang verstanden, die dem Künstler Unterwerfungen abverlangt. Sie liefert ihm vielmehr das Material, in dem er seine Intentionen realisiert. Der Konstruktivist oder, im Vokabular von Max Bill, der „konkrete“ Künstler … arbeitet mit der Geometrie ungefähr so wie der Landschaftsmaler mit der Landschaft oder der Surrealist mit dem Unbewussten. Sein künstlerisches Ziel ist nicht ‚Schönheit der Form‘, obgleich ästhetische Kategorien von Bill keineswegs unterschätzt oder gar negiert werden, sondern der ‚formgewordene Gedanke‘.

An dieser Maxime sind Bills Arbeiten zu überprüfen, ebenso seine Variationsreihen, die sich kontinuierlich durch die Jahrzehnte fortsetzen …, wie seine Bilder und die Plastiken in Stein und Metall, die sicherlich den künstlerisch wichtigsten und auch gelungensten Teil im Gesamtwerk darstellen. …“

Schlussendlich kommen Max Bills Werke und seine Variationsreihen aber auch an ihre Grenzen, wie jeglicher Konkrete Kunst Grenzen gesetzt sind: Konkrete Kunst ist „… unfähig, die faktische Realität mit ihrem Chaos, mit ihren Konflikten wiederzugeben. Anders und salopp gesagt: bei Bill ist die Welt noch in Ordnung. Dafür garantieren gewissermaßen die mathematische Denkweise, die kühle Rationalität, der rechte Winkel. Man bewegt sich im hellen, im luftleeren Raum der Form gewordenen Gedanken. …

Der Haupteinwand, der gegen Bill und die konkrete Kunst immer wieder vorgebracht wird, ist, dass sie lebensfern seien, Glasperlenspiele für ein intellektuelles und elitäres Publikum. … Aber Bills Arbeit ist immer und nicht nur im angewandten Bereich auf die Praxis bezogen, ist ein Beitrag zur Umweltgestaltung, die durch Bill überhaupt erst kunsthochschulfähig geworden ist: Er war der erste Professor für Umweltgestaltung an einer Kunstakademie, der in Hamburg.“

Quelle: Gottfried Sello: „Das Dreieck, das rund wird“, Zeit-Online 12. März 1976, aktualisiert am 21. November 2012, unter: http://www.zeit.de/1976/12/das-dreieck-das-rund-wird

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