Julia Navarrete gehört zu den konsequentesten Vertreterinnen geometrischer Abstraktion in Peru. Ihr Werk bewegt sich an der Schnittstelle von konkreter Kunst, Op-Art und eben geometrischer Abstraktion. Linien, Module und Formen stehen im Zentrum, doch sie dienen nicht der statischen Ordnung. Julia Navarretes Geometrie ist in Bewegung – optisch, körperlich und räumlich.
Seit den sechziger Jahren entwickelt sie eine Bildsprache, die auf Wiederholung und Variation basiert. Parallele Linien, kontrastierende Farbflächen und rhythmische Raster erzeugen visuelle Vibrationen. Die Werke verändern sich mit dem Standpunkt der Betrachtenden. Wahrnehmung wird instabil, das Auge beginnt zu wandern. Geometrische Abstraktion wird bei Julia Navarrete zur Erfahrung.
Damit steht sie in enger Verbindung zur internationalen konkreten und optischen Kunst, insbesondere zu lateinamerikanischen Entwicklungen in Venezuela, Argentinien und Brasilien. Doch ihre Arbeiten bleiben eigenständig. Julia Navarrete interessiert sich weniger für technologische Utopien als für die psychologische Dimension der Wahrnehmung. Die Ordnung ihrer Kompositionen ist präzise, aber sie zielt auf Irritation. Klarheit erzeugt Unruhe.
Formal arbeitet Julia Navarrete mit Systemen. Linien folgen oft festgelegten Regeln, Farbkontraste sind kalkuliert, Kompositionen seriell aufgebaut. Gleichzeitig öffnet sich das Werk im Moment der Betrachtung. Bewegung entsteht im Auge, im Körper, im Raum zwischen Werk und Betrachtenden. Die geometrische Ordnung ist vollständig – und doch nie abgeschlossen.
In einem peruanischen Kontext ist diese Position von besonderer Bedeutung. Julia Navarrete etabliert früh eine autonome abstrakte Sprache in einem Kunstfeld, das lange von Figuration und sozialem Realismus geprägt ist. Ihre Arbeiten behaupten die Eigenständigkeit der Form, ohne sich vom sozialen Raum zu isolieren. Wahrnehmung wird als aktive, individuelle Erfahrung verstanden – ein leiser, aber wirkungsvoller Gegenentwurf zu normativen Ordnungen.
Hinterlasse einen Kommentar