Lygia Clark in Zürich

Die brasilianische Künstlerin Lygia Clark, über die ich schon so oft hier geschrieben habe, wird bis 8. März im Kunsthaus Zürich mit einer großen Einzelausstellung gewürdigt.

Lygia Clark öffnete die Kunst für den Körper, machte aus Betrachtern Beteiligte und stellte das Museum als Institution radikal infrage: Sie zählt zu den einflussreichsten und visionärsten Künstlerpersönlichkeiten Südamerikas. Ihr Werk, das zwischen Aufbruch und politischem Druck oszilliert, besitzt heute, in einer Zeit der Suche nach immersiven und partizipativen Erlebnissen, eine ungebrochene Aktualität.

Lygia Clark, Composição
[Komposition],1953
Öl auf Leinwand, 117 × 81 cm
Colección Patricia Phelps de
Cisneros, Foto: Gregg Stanger
© Associação Cultural O
Mundo de Lygia Clark

Lygia Clark ist eine Schlüsselfigur des brasilianischen „Neoconcretismo“, einer Bewegung, die in den späten 1950er und 1960er Jahren die strenge Rationalität der europäischen Konkreten Kunst hinter sich lässt. Ihr Ziel ist nicht weniger als eine neue, sinnlichere und menschlichere Kunsterfahrung. Diese Suche treibt sie in einer radikalen Evolution voran: Vom gemalten Bild bricht sie auf in den Raum, um schließlich in den 1970er Jahren das feste, unveränderliche Kunstobjekt gänzlich zu verabschieden.

Ihre Kunst war nie dazu gedacht, distanziert betrachtet zu werden. Sie ist dazu da, betreten, berührt, angeeignet und vervollständigt zu werden. Die Besucher ihrer Installationen werden zu aktiven Mitgestaltern, zu Co-Autoren des ästhetischen Moments. Diese Haltung war ein fundamentaler Angriff auf das traditionelle Verständnis des Museums als Tempel unantastbarer Meisterwerke und auf die Idee des Kunstwerks als abgeschlossenes, autonomes Objekt. Für Lygia Clark ist Kunst ein ganzheitlicher Akt, der den lebendigen, fühlenden und handelnden Körper zwingend einbeziehen muss.

Ein Schlüsselwerk dieser Revolution ist ihre Serie „Caminhando“ (Unterwegs) aus dem Jahr 1963. Inspiriert von der mathematischen Form der Möbiusschleife, die sie durch die Arbeiten des Schweizers Max Bill kennenlernte, reduziert Lygia Clark die Kunst hier auf eine simple, aber tiefgründige Handlungsanweisung. Sie übergibt den Besucherinnen und Besuchern eine Papierbahn, die zu einer Möbiusschleife verklebt war, und eine Schere. Die Aufforderung: Entlang der Mittellinie zu schneiden – bis die Entscheidung fällt, aufzuhören oder das Material zerstört ist.

In diesem Akt liegt die Genialität. Das Kunstwerk ist nicht die Papierschleife; das Kunstwerk ist der Prozess des Schneidens selbst. Es ist die individuelle Erfahrung der Spannung, der Entscheidung und der physischen Interaktion. „Caminhando“ markiert den entscheidenden Schnitt: Die Verlagerung des Fokus vom Objekt auf die Erfahrung, vom Produkt auf die Prozedur.

Doch Lygia Clarks Werk ist auch ein politischer Seismograf. Es trägt die Spuren des Aufbruchsgeistes im Brasilien der fünfziger Jahre ebenso in sich wie die der später folgenden Militärdiktatur und der erzwungenen Emigration. Ihre späten, therapeutisch anmutenden „Proposições“ (Vorschläge), bei denen sie mit Gummibändern, Steinen und Stoffen am Körper der Teilnehmer arbeitet, können als Antwort auf eine Zeit der Repression und der Suche nach neuer, kollektiver Sinnlichkeit gelesen werden.

Lygia Clarks Erbe ist heute lebendiger denn je. In einer Welt, die von digitalen und oft körperlosen Erfahrungen dominiert wird, erinnert sie uns an die unmittelbare, transformative Kraft der physischen Begegnung. Sie lehrt uns, dass die wahre Kunst vielleicht nicht im Ding liegt, das wir bewundern, sondern in der Handlung, die wir wagen.

Quelle dieser Einführung und alle Informationen zur Ausstellung: Lygia Clark

Viel Spaß in Zürch!

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