Kazuo Shiraga – Malen mit dem Körper

Anfang der fünfziger Jahre gehört Kazuo Shiraga gemeinsam mit Akira Kanayama, Kaiko Tanaka und Saburo Murakami zu den Gründungsmitgliedern der japanischen Künstlervereinigung „Zero“, die sich 1955 mit der kurz zuvor entstandenen Gutai-Gruppe zusammenschließt. Die jungen Maler orientieren sich an der westlichen Avantgarde und Action Painting sowie Abstrakter Expressionismus prägen hauptsächlich ihr Schaffen.

Kazuo Shiraga wird zum Inbegriff der körperlichen Radikalität in der Gutai-Gruppe. 1924 in Amagasaki geboren, beginnt er zunächst mit traditioneller Malerei, wendet sich jedoch bald von konventionellen Methoden ab. Für Kazuo Shiraga ist Malerei keine bloße Technik, sondern ein physischer Akt – ein intensives Zusammenspiel von Körper, Material und Raum.

Seine bekannteste Innovation ist die Fußmalerei. An einem Seil hängend, bewegt er seinen Körper über große, auf dem Boden ausgelegte Leinwände und taucht seine Füße in Farbe. Mit jeder Bewegung hinterlässt er Spuren, die zugleich zufällig und expressiv wirken. Die Energie, die in diesen Bewegungen steckt, überträgt sich direkt auf das Werk. Die Leinwand wird zu einer Aufzeichnung von Kraft, Rhythmus und körperlicher Präsenz. Kazuo Shiraga bricht damit radikal mit dem klassischen Künstlerbild: Nicht der Pinsel in der Hand, sondern der gesamte Körper ist das Werkzeug. Jede Arbeit ist einzigartig, weil sie aus der Dynamik des Moments entsteht. Dabei kombiniert er Disziplin und Spontaneität: Die Bewegungen sind choreographiert, zugleich aber der physischen Energie des Augenblicks ausgeliefert. Dicke, pastose Farbschichten entstehen, die reliefartig vom Untergrund abstehen. Rot-, Blau- und Schwarztöne überlagern sich, fließen ineinander, spritzen in wilden Bögen. Das Ergebnis ist eine rohe, fast schon gewalttätige Bildkomposition, die die Bewegung und den Rhythmus sichtbar macht.

International erlangt Kazuo Shiraga große Aufmerksamkeit. Schon in den fünfziger- und sechziger Jahren werden seine Arbeiten in Europa und den USA ausgestellt. Sie beeinflussen Performance- und Aktionskunst weltweit und gelten bis heute als ein Schlüsselwerk der Nachkriegsavantgarde. Seine Fußmalerei inspiriert spätere Generationen dazu, die Grenzen von Körper, Raum und Kunst neu zu definieren.

Auch nach der Auflösung von Gutai bleibt Kazuo Shiraga aktiv. Er experimentiert weiterhin mit großen Formaten, dynamischen Bewegungen und Materialexplorationen. Seine Werke wirken heute ebenso kraftvoll und lebendig wie zu ihrer Entstehungszeit – Zeugnisse einer Kunst, die den Körper als Instrument radikal in den Vordergrund stellt. Anfang der siebziger Jahre zieht Kazuo Shiraga sich für einige Jahre in eine Kloster zurück und tritt dem buddhistischen Tendai-Orden bei. Doch auch in dieser Phase verliert er seine künstlerische Energie nicht. Er kehrt zur Malerei zurück, nun mit einem stärkeren spirituellen Unterton. Die Körperlichkeit bleibt, doch sie verbindet sich mit Meditation und geistiger Disziplin.

Kazuo Shiraga zeigt: Malerei ist nicht nur das Abbild von Welt, sie kann selbst zur Kraft werden, zum Ereignis, das den Betrachter unmittelbar spüren lässt, wie eng Kunst und Leben miteinander verwoben sind.

Eine weitere englischsprachige Einführung in das Werk des Japaners:

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