Gerhard von Graevenitz und die Kunst als ein Phänomen der Wahrnehmung

Bei einer Vorstellung wesentlicher Vertreter der Op-Art, dürfen auch deutsche Künstler nicht fehlen, allen voran Gerhard von Graevenitz, der seit den sechziger Jahren der kinetische Kunst, der Op-Art und der Computerkunst wichtige Impulse gibt und die internationale Vernetzung der konstruktiv-konkreten Bewegung fördert. Als Mitherausgeber der Zeitschrift nota, Betreiber der gleichnamigen Galerie in München und Mitbegründer der internationalen Künstlerbewegung ‚Nouvelle Tendance‚ tritt von Gerhard von Graevenitz für eine Kunst ein, die jenseits von Illusionismus die Wahrnehmung des Betrachters herausfordert und auf oft subtile Weise das Sehen selbst in den Fokus rückt – Kunst als ein Phänomen der Wahrnehmung. Gerhard von Graevenitz stirbt 1983 bei einem Flugzeugabsturz in der Schweiz.

Gerhard von Graevenitz, Progression, 1973
Quelle: WikiArt, (c) Gerhard von Graevenitz, FairUse

Gerhard von Graevenitz tritt in seinem Schaffen immer für eine rationale Kunst ein: „Transparent, offen und durchschaubar … Kunst, das hieß für ihn: Ordnung, Planung, Konstruktion, Struktur … Und letztlich interessierte ihn vielleicht sogar vor allem eine einzige Frage: Wie eng Kunstwerk und Künstler miteinander verbunden sind. Und, ob und inwieweit sich der Künstler aus dem Werk zurückziehen kann.

In den fünfziger Jahren jedenfalls begann Gerhard von Graevenitz damit, seine Werke nach im Voraus festgelegten Systemen zu organisieren. Nach mathematischen Prinzipien und nach Abfolgen, die er aus Zahlenreihen ableitete. Oder nach dem Zufall. Er warf zum Beispiel Münzen. Oder würfelte. Und wies Kopf und Zahl der Münze oder einzelne Seiten des Würfels bestimmten Formelementen zu – Kreisen zum Beispiel oder Quadraten, einer Einprägung oder einer Ausstülpung in einer Fläche. Diese Elemente wurden dann im Bild, das im Entstehen war, eingesetzt – je nachdem, wie die Münze oder der Würfel gerade fiel. Und nicht anders.
Der Zufall darf nicht alles

Wer schuf da also das Kunstwerk? Der Künstler oder der Zufall? Oder beide irgendwie? Klar ist: Der Künstler legte die Regeln fest, innerhalb deren der Zufall spielen darf – und sorgte so dafür, dass dieser nicht überhandnimmt. Er wies dem Unberechenbaren einen exakt ausgemessenen Raum zu und behielt vor allem auch insofern die Oberhand, als er die Formen bestimmte, die nach dem von ihm festgelegten Zufallsprinzip zur Anwendung kommen. Klar, von Graevenitz schränkte seinen eigenen Handlungsspielraum drastisch ein. Bei der Ausführung eines einmal begonnenen Werks war er unter Umständen bei keiner einzigen Entscheidung mehr frei. Aber er prägte dem Ganzen am Ende doch seinen Formwillen auf, indem er das Prinzip bestimmte, nach dem es organisiert ist.“

Quelle: Thomas Ribi, ‚Vielleicht ist am Ende ja alles ganz anders‘, Neue Zürcher Zeitung, 14.3.2018, online unter: https://www.nzz.ch/feuilleton/vielleicht-ist-am-ende, aufgerufen am 31.03.2021 und Einführung in die Retrospektive von Gerhard von Graevenitz im Haus Konstruktiv: Gerhard von Graevenitz

Einige wenige Werke des Künstlers bei WikiArt: Gerhard von Graevenitz

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