Die Entstehung des Modernismus und der Abstraktion in Irland

Der Modernismus, einschließlich der abstrakten Kunst, erreicht Irland aufgrund seiner abgelegenen Lage am westlichen Rand Europas erst mit Verzögerung. Zwischen 1920 und 1960, einer Zeit geprägt von politischer Unruhe (wie der Gründung des Freistaats 1922) und dem Bestreben, eine neue nationale Identität zu schaffen, bevorzugen die irischen Regierungen und die aufkommende katholische Mittelklasse eine konservative, nationalistische Kunst. Dies zeigt sich häufig in sozialrealistischen Darstellungen von Cottages aus dem Westen Irlands oder irischen Bauern, gefördert von der Royal Hibernian Academy (RHA). Diese traditionelle „Irish School of Painting“ bildet einen starken Kontrast zur europäisch geprägten Kunst, die ebenfalls in den zwanziger Jahren erstmals auf der Insel zu sehen ist.

Mainie Jellette, Decoration, 1922,
Quelle: Decoration – Mainie Jellette – WikiArt.org, (c) gemeinfrei

Mainie Jellett, Evie Hone und Norah McGuinness sind Schlüsselfiguren unter den Künstlerinnen, die die europäisch beeinflusste Kunst durch die Society of Dublin Painters fördern. Mainie Jellett gilt als die erste irische Künstlerin, die ein rein abstraktes Bild schafft und den Modernismus und die Abstraktion in Irland in den frühen zwanziger Jahren einführt. Mainie Jellett studiert zusammen mit Evie Hone ab 1920 in Paris bei den kubistischen Künstlern André Lhote und Albert Gleizes, wo beide die theoretischen Grundlagen des Kubismus erlernen und Rhythmus, Farbe und Form analysieren. Albert Gleizes lehrt sie kubistische Methoden der „Formübersetzung und Formrotation“ und deren Kombination auf einer Oberfläche, was zu Werken wie „Decoration“ (1922) führt, einem der ersten abstrakten Gemälde, welches in Irland ausgestellt wird.

Als Mainie Jellett 1923 ihr Werk „Decoration“ in einer Gruppenausstellung in der Dublin Painters Gallery erstmals zeigt, löste dies einen Aufruhr aus. Der Künstler und Dichter George William Russell wirft ihr „künstlerische Malaria“ vor, was eine öffentliche Debatte auslöste. Diese feindselige Aufnahme moderner Tendenzen verdeutlicht die Kluft, die zwischen erster kubistisch inspirierter Abstraktionen und der dominanten figurativen Tradition besteht.

Die anfänglich feindselige Reaktion auf Mainie Jelletts abstrakte Werke, die im Kontrast zur von der Regierung bevorzugten traditionellen Kunst stehen, führte paradoxerweise zu einer Stärkung der modernen Kunstbewegung. Diese starke Opposition unterdrückt den Modernismus in Irland nicht, sondern festigte die Entschlossenheit einer ganzen Reihe von Künstlerinnen und Künstler, für die moderne Kunst zu missionieren, und führt direkt zur Gründung der Irish Exhibition of Living Art (IELA) als Gegenpol zur konservativen Royal Hibernian Academy. Dies zeigt, wie kultureller Widerstand Avantgarde-Bewegungen anspornen und die Schaffung alternativer Plattformen fördern kann. Die anfängliche Ablehnung der Abstraktion in Irland, motiviert durch den Wunsch nach einer eigenständigen nationalen Identität, die in der figurativen Kunst verwurzelt ist, fördert unbeabsichtigt die organisierte Förderung des Modernismus und legt den Grundstein für seine spätere Akzeptanz.

Die dominierende Rolle von Künstlerinnen in diesen Pionierleistungen ist ein bedeutendes und charakteristisches Merkmal des irischen Modernismus‘. Mehr zu diesen Pionierinnen in den kommenden Tagen.

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