Geometrie kennt keine Grenzen

Zum Abschluss der Reihe aktueller Positionen des Konstruktivismus‘ noch ein Blick über die deutschsprachigen Gebiete hinaus. Die Konstruktivismus entsteht in Europa, doch seine Prinzipien bleiben nie regional begrenzt. Schon früh im letzten Jahrhundert verbreitet sich die Ideen klarer Ordnung, geometrischer Strukturen und reduzierter Farbigkeit über Kontinente hinweg. Heute zeigt sich, wie lebendig und vielfältig dieser Ansatz weltweit interpretiert wird. Künstlerinnen und Künstler in Südamerika oder Japan greifen die konkreten und konstruktiven Prinzipien auf – und übersetzen sie in ihre kulturellen und gesellschaftlichen Kontexte.

In Südamerika hat insbesonder die konkrete Kunst seit den vierziger Jahren eine starke Tradition. In Brasilien entstehen mit Gruppen wie „Neo-Concreto“ Strömungen, die Geometrie mit Sinnlichkeit verbinden. Künstlerinnen und Künstler wie Lygia Clark oder Hélio Oiticica erweitern die konstruktive Sprache um Körper, Bewegung und Partizipation. Diese Haltung wirkt bis heute nach: Junge Künstlerinnen und Künstler in São Paulo oder Buenos Aires setzen auf klare Formen, aber auch auf Interaktion. Das Raster wird zum Spielfeld, das den Betrachter aktiv einbezieht.

Hélio Oiticica, Metaesquema, 1957, Quelle: Wiki-Art, (c) FairUse

In Japan knüpfen zahlreiche Positionen an die Nachkriegsavantgarde an. Hier verbindet sich die Klarheit der Geometrie mit einer ästhetischen Reduktion, die in der japanischen Kultur tief verwurzelt ist. Gruppen wie die „Gutai“-Bewegung experimentieren mit Material und Raum, während zeitgenössische Künstler digitale und architektonische Strukturen nutzen, um Ordnung und Leere neu auszubalancieren. Der Konstruktivismus und die Konkrete Kunst werden hier zu einer Sprache, die Präzision und meditative Klarheit zugleich transportiert.

Auch in Europa bleibt die Tradition stark. In den Niederlanden etwa wirkt das Erbe von De Stijl bis heute nach. Zahlreiche Künstlerinnen und Künstler greifen Piet Mondrians Raster auf und übertragen es in neue Medien – von Videokunst bis zu interaktiven Installationen. Ähnliche Tendenzen lassen sich in Skandinavien beobachten, wo Mathematik und Geometrie oft mit landschaftlichen Bezügen verschmilzen.

Was all diese internationalen Positionen verbindet, ist die Offenheit der künstlerischen Sprache. Geometrie kennt keine Grenzen, sie ist universell verständlich – und doch entfaltet sie je nach kulturellem Umfeld ganz eigene Akzente. Mal steht die gesellschaftliche Utopie im Vordergrund, mal die sinnliche Erfahrung, mal die digitale Transformation.

Über viele der internationalen Gruppen und Kunstschaffenden habe ich in den vergangenen Monaten und Jahren geschrieben. In den kommenden Wochen will ich ein wenig mehr auf die Konkrete Kunst in Japan eingehen. Spannend!

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