Marc C. Woehr macht die Stadt zum Mittelpunkt seiner Kunst. Der Stuttgarter Künstler arbeitet mit den Elementen des Konstruktivismus, richtet aber seinen Blick konsequent auf die urbane Gegenwart. Seine Werke sind damit keine nostalgischen Zitate der Avantgarde, sondern eigenständige Interpretationen, die Architektur, Bewegung und Raum in eine neue Bildsprache übersetzen.
Im Zentrum steht für Marc Woehr die Frage, wie sich das Leben der Stadt sichtbar machen lässt. Er arbeitet mit Reliefs, die aus Holz, Plexiglas oder mehreren Farbschichten bestehen. Diese Arbeiten wachsen teilweise aus der Fläche heraus, werfen Schatten und erzeugen Tiefe. Die Betrachtenden erleben sie nicht als statische Malerei, sondern als dreidimensionale Konstruktion. Beim Gehen verändert sich der Blickwinkel, Linien verschieben sich, Strukturen überlagern sich. Es ist fast so, als würde man selbst durch ein Miniaturmodell einer Metropole streifen.

Die Nähe zur konstruktivistischen Tradition ist, wie oben beteits bemerkt, unverkennbar. Klare Linien, geometrische Formen und reduzierte Farbkonzepte prägen seine Kompositionen. Doch während El Lissitzky oder Wladimir Tatlin zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit utopischen Entwürfen für eine neue Gesellschaft arbeiten, richtet Marc Woehr seine Aufmerksamkeit auf die konkrete Gegenwart. Er abstrahiert Stadtpläne, Straßennetze und Bewegungsmuster und übersetzt sie in Reliefs. Damit wird der Konstruktivismus bei ihm zum Spiegel urbaner Dynamik. Besonders interessant ist, wie Marc Woehr digitale Methoden integriert. Bewegungsdaten und Kartografien fließen in seine Entwürfe ein, bevor sie in die materielle Form überführt werden. So verbindet er die Logik der digitalen Welt mit der physischen Präsenz des Materials. Das Raster, einst ein Symbol der Avantgarde, erscheint bei ihm als Spiegel unserer vernetzten Realität.
Auch in der Materialwahl bleibt Marc Woehr konsequent. Oft verzichtet er auf klassische malerische Effekte und konzentriert sich auf die Schichtung selbst. Holzplatten oder Plexiglasscheiben werden präzise geschnitten, übereinandergelegt und zu Reliefs zusammengesetzt. Farbe tritt manchmal ganz zurück, manchmal leuchtet sie in kräftigen Akzenten – stets im Dienst der räumlichen Konstruktion.
Was seine Werke für mich so faszinierend macht, ist das Spannungsverhältnis zwischen Strenge und Lebendigkeit. Einerseits wirken sie wie präzise Pläne, beinahe wie architektonische Modelle. Andererseits entfalten sie eine Dynamik, die den Rhythmus einer pulsierenden Großstadt spürbar macht. Marc Woehr zeigt damit, dass Konstruktion nicht kalt und distanziert sein muss, sondern voller Energie und Bewegung steckt. Er zeigt darüber hinaus, dass konstruktivistische Kunst heute nicht nur ein Rückgriff auf historische Avantgarden ist, sondern ein zeitgenössisches Instrument, um urbane Realität zu deuten. Seine Position verbindet die Strenge geometrischer Ordnung mit der Lebendigkeit des städtischen Alltags – und macht den Konstruktivismus zu einer Kunstform, die auch im 21. Jahrhundert kraftvoll wirkt.
Jede Menge mehr Informationen und Fotos vieler Werke im Webauftritt von Marc C. Woehr; zum Instagram Auftritt geht es hier http://www.instagram.com/marcwoehr. Weiter noch ein lesenswerter Artikel über den Künstler in der Stuttgarter Zeitung: Meine Arbeiten sind nicht Mainstream
Zum Abschluss hier noch ein Projekt der Universität Freiburg mit Marc C. Woehr zur wissenschaftlichen Gestaltung von Fassaden in der Freiburger Innenstadt
Hinterlasse einen Kommentar