Lucio Fontana und das Manifesto bianco

Noch einmal zu Lucio Fontana: Viele junge Pariser Künstler der dreißiger Jahre, vor allem auch die Mitglieder der einflussreichen Gruppe Abstraction-Création, waren direkt von den klassischen Konkreten wie Piet Mondrian und Theo van Doesburg beeinflusst. Während diese Künstler das Kunstwerk als Objekt etablieren wollen, strebte die nächste Generation junger Konkreter danach, es weiter zu systematisieren, zu serialisieren, zu variieren und zu transformieren.

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Lucio Fontana, Schnittbild, Saverio.G, GNAM WLM18 26, zuschnitt, CC BY-SA 4.0

Lucio Fontana und seine Studenten verfassen bereits 1946 in Buenos Aires das „Manifesto bianco“, das in der Nachfolge des Futurismus das synthetische Gesamtkunstwerk, bestehend aus Kunst, Musik und Literatur, als Ziel proklamierte. Dabei lehnte der Italiener traditionelle Materialien ab und forderte neue Wege und Ausdrucksmittel für die Kunst. Ähnlich wie Yves Klein strebte auch Lucio Fontana danach, die traditionelle Starre zu durchbrechen und eine dynamische Kunst zu schaffen, deren wichtigstes Mittel die Vorstellungskraft des Betrachters sein sollte.
Lucio Fontanas legendäre Werke der fünfziger Jahre zeugen von einer spürbaren Dynamik, die auch in der Betrachtung nachvollziehbar bleibt und der Leinwandarbeit eine plastische Räumlichkeit verleiht. Durch das Aufschlitzen der Leinwand öffnet Lucio Fontana das Bild im wörtlichen Sinne und ermöglichte somit einen Bezug zum Raum dahinter. Diese „Concetto Spaziale“ ist eine räumliche Malerei, die durch die bewusste Beschädigung der traditionellen Bildtradition entsteht und die umgebende Leere als Element der Kunst sichtbar macht, indem sie den Raum in die Materialpalette der Malerei aufnimmt. Das Werk besteht in der Dekonstruktion, wobei das Nichts das Werk konstituiert und die Leinwand den Raum zeigt, indem sie sich ihm öffnet.

Lucio Fontana, ‚Concetto Spaziale, Attese,’ 1965

Quelle: vgl. Ines Zahler: „Konkrete Kunst der 50er Jahre – Dekade des Aufbruchs“, in: Die Idee Konkret, hrsg. von Tobias Hoffmann, Museum für konkrete Kunst Ingolstadt, Wienand Verlag, Köln, S. 59.

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