Startschuss für die ‚Arte Concreta‘ in Italien

Bevor ich in den kommenden Tagen die wesentlichen Gruppen sowie Künstlerinnen und Künstler der italienischen Arte Concreta vorstelle, zunächst noch einmal zum Verständnis und zur Abgrenzung der konkreten Kunst:

Ganz grob können Künstler, die gegenstandslose, abstrakte Kunst – also damit auch konkrete Kunst unserem Verständnis nach – realisieren, in zwei Kategorien aufgeteilt werden:

Da sind zunächst die expressiven, spontanen, informellen Künstler. Einfache Muster und unvermittelte Linienführungen kennzeichnen deren Werke ebenso, wie grobe Farbfelder und geometrische Formen, die oft beliebig auf der Bildfläche verteilt werden. Auf Italienisch wird diese Richtung auch „l’informale‘ genannt.

In der zweiten Kategorie finden sich die kalkulierenden, mathematischen und systematischen Künstler – Italienisch: „Concretismo“. Ihre Werke zeichnen sich durch einen geometrischen, mathematischen Aufbau aus – oft mit optischen und illusorischen Effekten. Diese Künstler distanzieren sich durch strenge mathematische und geometrische Kompositionen und durch Verzicht auf jegliche Abstraktion von Gegenständlichem von den informellen Künstlern.

Piero Dorazio, Rosso Perugino, 1979
Quelle: WikiArt, FairUse

Die Abgrenzung in die zwei Kategorien ist nicht immer ganz passend. Es gibt eine Reihe von Künstler, die sich beiden Kategorien zuordnen lassen oder in keine Kategorie so richtig passen. Es lässt sich jedoch feststellen, dass die Künstler der zweiten Kategorie – unter dem Einfluss des Kubismus – die abstrakte Kunst in den vierziger und fünfziger Jahren in Italien dominiert haben.

Einmal mehr ist der Startschuss der konkreten Kunst in einem Land mit einer Ausstellung verbunden und einmal mehr wird diese Ausstellung von Max Bill organisiert. (siehe Max Bill in São Paulo). Er organisiert mit Franco Bombelli und Max Huber 1947 im Palazzo Reale in Mailand eine Ausstellung abstrakter und konkrete Kunst. Es ist die erste bedeutende Ausstellung moderner Kunst in Italien nach dem Krieg und die erste Ausstellung mit konkreter Kunst in Italien überhaupt. Im Anschluss an diese vielbeachtete Ausstellung formier sich in Italien eine dem sich ausbreitenden Informel entgegenwirkende, dem konkreten, geometrischen zugewandte Künstlerbewegung. Es entstehen eine Reihe von Künstlergruppen, die sich der Konkreten Kunst verschreiben.

So gründen Piero Dorazio, Carla Accardi, Pietro Consagra und andere Künstler 1947 die Gruppe „Gruppo Forma 1“. Für die Gruppe ist die reine Form das Maß aller Dinge. Nur die reine Form existiert. Demgegenüber wird der Realismus als verbraucht, abgenutzt und konformistisch bezeichnet – wie auch jede andere Kunst mit expressiven oder psychologischen Inhalten von der Gruppe nicht anerkannt wird.

Die Zurückweisung jeder spontanen, willkürlichen Verteilung von Elementen in der Kunst steht darüber hinaus im direkten Gegensatz zu jenem wichtigen Bestandteil des Surrealismus, der später für die abstrakte Kunst, insbesondere den abstrakten Expressionismus so wichtig wird.

Nebenbei sei noch erwähnt, dass die Mitglieder der Gruppe mehrheitlich überzeugte Marxisten sind, die aber die reine Form und den Marxismus ohne Probleme in Einklang bringen können.

Die Gruppo Forma 1 organisiert Ende der vierziger Jahre und zu Beginn der fünfziger Jahre eine Reihe von Ausstellungen in Italien, löst sich aber ab 1958 auf.

Zur Gruppo Forma 1 und deren Mitglieder in den kommenden Tagen einmal mehr.

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