Nobuo Sekine – „Phase – Mother Earth“

Nobuo Sekine gilt neben Lee Ufan, den ich in den letzten Tagen hier vorgestellt habe, als Schlüsselfigur der Mono-ha-Bewegung. 1942 im japanischen Saitama geboren, sorgt er bereits mit einem einzigen Werk für eine Art Gründungsmythos: „Phase – Mother Earth“ von 1968. Dieses Werk – ein zylinderförmiger Erdblock, der aus der Erde herausgehoben und daneben als Negativraum belassen wird – markiert für viele den Beginn einer neuen japanischen Avantgarde. Hier sein Werk:

Nobuo Sekine, Phase – Mother Earth, 1968-2008, Quelle: WikiArt, (c) FairUse 

Mit „Phase – Mother Earth“ gelingt Nobuo Sekine etwas Radikales. Er formt keine Skulptur im klassischen Sinne, sondern zeigt Erde in zwei Zuständen: als Materie und als Leere. Die künstlerische Geste liegt nicht im Bearbeiten des Materials, sondern im Sichtbarmachen seiner Präsenz. Nobuo Sekine macht deutlich, dass Kunst nicht etwas ist, das „hergestellt“ wird, sondern etwas, das im Verhältnis zwischen Dingen und Raum entsteht.

Diese Haltung zieht sich durch sein gesamtes Schaffen. Nobuo Sekine arbeitet mit Stein, Papier, Metall, Beton oder Holz und bringt sie in Spannungsfelder von Masse, Gewicht und Balance. Oft geht es um Gegensätze: schwer und leicht, fest und zerbrechlich, voll und leer. Er interessiert sich weniger für die Oberfläche als für die Erfahrung, die im Betrachter ausgelöst wird. In vielen Arbeiten lässt er Materialien so arrangieren, dass ihre Eigenschaften unverfälscht hervortreten. Ein großer Stein, der auf einem Metallblock liegt, oder Papierrollen, die nebeneinander stehen – immer entsteht eine Atmosphäre, die den Raum selbst verändert. Der Betrachter spürt das Gewicht, die Fragilität oder die Spannung der Dinge. Es ist diese unmittelbare Präsenz, die Nobuo Sekines Kunst prägt.

Anders als westliche Minimal Art, die oft auf industrielle Perfektion setzt, zeigt Nobuo Sekine die Rohheit und Natürlichkeit seiner Materialien. Er respektiert ihre Eigenart und gibt ihnen den Raum, sich zu entfalten. Dabei bleibt die künstlerische Geste zurückhaltend, fast unsichtbar. Nobuo Sekine selbst versteht sich nicht als Schöpfer im klassischen Sinn, sondern als jemand, der Bedingungen schafft, damit Material und Raum eine neue Bedeutung entfalten.

Nobuo Sekine bleibt bis zu seinem Tod 2019 ein zentraler Bezugspunkt für die Mono-ha-Bewegung. „Phase – Mother Earth“ gilt bis heute als Schlüsselwerk der Nachkriegsavantgarde – eine stille, aber tiefgreifende Geste, die den Blick auf Kunst und Material für immer verändert hat. Hier noch ein wenig mehr zu seinem Werk:

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