Vor einigen Tagen habe ich den japanische Künstler Shōzō Shimamoto (Shōzō Shimamoto und die Farbe), Mitbegründer der Gutai-Gruppe hier vorgestellt. Bei den Recherchen bin ich auf die, von ihm maßgeblich beeinflusste, Mail-Art gestoßen, die mir so bislang kaum bekannt war. Bereits in den fünfziger Jahren experimentiert Shōzō Shimamoto mit dem Verschicken künstlerischer Arbeiten per Post und gilt damit als einer der frühen Wegbereiter eben dieser Mail-Art. Seine Praxis verbindet die Idee der gestischen Malerei mit der performativen Dimension des postalischen Austauschs und zeigt, wie Mail Art bereits vor ihrer offiziellen Benennung als künstlerische Strategie erprobt wird.

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Mail-Art, im Deutschen oft als Korrespondenz- oder Postkunst bezeichnet, ist eine Kunstform, die sich in den sechziger Jahren entwickelt und sich über die Postdienste verbreitet. Im Zentrum steht nicht nur das einzelne Werk, sondern der Prozess des Sendens, Empfangens und Weiterleitens, also die Kommunikation selbst. Künstlerinnen und Künstler verschicken Briefe, Karten, Collagen, Objekte oder ganze Projektdokumentationen, und diese Materialien werden zu Bestandteilen eines globalen Netzwerks. Mail-Art grenzt sich bewusst vom etablierten Kunstmarkt ab: Sie verzichtet auf Galerien, Auktionen und den klassischen Kunstbetrieb und versteht sich als unkommerzielles, kollektives Projekt. Entscheidend ist nicht das einzigartige Werk, sondern die Teilhabe an einem offenen Austausch, bei dem die Handlung selbst Kunst wird. Damit ist Mail-Art zugleich eine künstlerische Praxis und ein soziales Experiment, das immer auch kulturelle und politische Dimensionen trägt. Gerade in Zeiten repressiver Regime – etwa in Lateinamerika oder Osteuropa während des Kalten Krieges – erweist sich die Postkunst als Instrument, um staatliche Kontrolle zu unterlaufen und kritische Botschaften zu verbreiten.
Ihre Wurzeln hat die Bewegung in den fünfziger und sechziger-Jahren, stark beeinflusst von Neo-Dada, Fluxus und Pop Art. Als Pionier gilt Ray Johnson, der mit seiner „New York Correspondence School“ ein loses Netzwerk von Künstlerinnen und Künstlern gründet, die sich über Briefe austauschen. Die Praxis verbreitet sich rasch und wird 1971 erstmals von dem französischen Kunstkritiker Jean-Marc Poinsot unter dem Begriff „Mail-Art“ zusammengefasst. Zwei Jahre später verhilft der kanadische Autor David Zack dem Begriff durch einen Artikel in Art in America zur internationalen Etablierung. Von nun an wächst das Netzwerk in alle Richtungen: In Nordamerika schließen sich Gruppen wie General Idea oder die Bay Area Dadaists an, in Europa beteiligen sich Künstler wie Robert Rehfeldt, Horst Tress, Ben Vautier oder Wolf Vostell. Parallel entwickeln Performance-Künstler und Vertreter experimenteller Musik neue Ausdrucksformen innerhalb des postalischen Austauschs. Aus diesem Umfeld entsteht in den achtziger Jahren die Bewegung des Neoismus, die das Prinzip der kollektiven Identität und des Spiels mit Autorschaft noch weiter radikalisiert.
Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs verliert Mail Art zwar ihre Funktion als Medium des Widerstands, bleibt aber lebendig. In den neunziger Jahren treten neue Schwerpunkte in den Vordergrund: Künstlerbücher, visuelle und konkrete Poesie sowie alternative Künstlerzeitschriften prägen nun das Bild der Szene. Auch wenn digitale Medien den postalischen Austausch zunehmend verdrängen, hat Mail Art ihre Bedeutung als frühes globales Netzwerk der Gegenkultur bewahrt. Sie zeigt, dass Kunst nicht nur in Museen und Galerien existiert, sondern überall dort, wo Menschen in kreativer Kommunikation stehen.
Zu Shōzō Shimamoto und seiner Mail-Art: Shozo Shimamoto in the Postal Art Network Ein wenig mehr zur Mail-Art bei Wiki-Art: Künstler nach Kunstrichtung: Mail Art (Postkunst) – WikiArt.org – Enzyklopädie der visuellen Künste, Quelle dieser Einführung siehe: Mail Art – Wikipedia
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