Ein weiterer bemerkenswerter Künstler der Gutai-Bewegung, den ich hier vorstellen möchte, ist Saburō Murakami. Er wird 1925 in Kobe geboren. Nach dem Krieg studiert er Literatur und Malerei. Schnell merkt er, dass er in seiner Malerei nicht auf Leinwände beschränkt bleiben will. Als er Mitte der fünfziger Jahre der Gutai-Gruppe von Jirō Yoshihara beitritt, beginnt er mit Experimenten, die radikaler kaum sein könnten: Er nimmt die Malerei wörtlich auseinander – und verwandelt sie in Aktion.
Berühmt wird Saburō Murakami mit seiner Performance „At One Moment Opening Six Holes“ von 1955. Vor Publikum läuft er gegen aufgespannte Papierbahnen und zerreißt sie mit seinem Körper. Ein scheinbar banaler Akt – und doch ein Befreiungsschlag. Die Papierwand wird zum Symbol der traditionellen Leinwand, der Künstlerkörper zum Werkzeug, das diese Begrenzung sprengt. Wo sonst ein Pinselstrich stehen würde, bleibt bei Saburō Murakami ein Loch, eine Spur der Durchquerung. Kunst wird zum Ereignis, das in Sekunden geschieht und doch im Gedächtnis bleibt.
Mit solchen Arbeiten verkörpert Saburō Murakami die Idee, die Gutai stark macht: Kunst als unmittelbare Erfahrung, als körperlicher Akt, der Material und Raum in Bewegung setzt. Seine Performances sind radikal, aber auch poetisch – die Zerreißung eines Papiers kann wie ein gewaltsamer Ausbruch wirken, aber ebenso wie eine Geburt, ein Neubeginn.
In den späten 1950er- und 1960er-Jahren entwickelt Saburō Murakami diese Praxis weiter. Er experimentiert mit Papier, Holz und Leinwand, durchstößt Materialien, stapelt sie, zerstört sie. Dabei geht es ihm nicht um Zerstörung an sich, sondern um das Sichtbarmachen von Übergängen. Ein Riss ist für ihn nicht das Ende, sondern der Anfang eines neuen Raums.
Parallel zu seinen Performances arbeitet er als Maler und Lehrer. Seine Gemälde sind abstrakt, oft in hellen, fast schwebenden Farben gehalten. Auch hier zeigt sich sein Interesse an Übergängen und Prozessen. Doch es sind vor allem seine Aktionen, die ihn international bekannt machen. Fotos seiner Papierdurchbrüche gehen um die Welt und stellen ihn in eine Reihe mit westlichen Aktionskünstlern wie Lucio Fontana oder Yves Klein.
Saburō Murakami bleibt bis zur Auflösung der Gutai-Gruppe eng mit ihr verbunden. Heute gilt er als einer der wichtigsten Performer Japans im 20. Jahrhundert. Seine Durchbrüche sind mehr als spektakuläre Gesten: Sie sind Metaphern für den Moment, in dem Kunst sich öffnet – hin zum Körper, zum Raum, zur Welt.
Hier noch einen englischsprachige Einführung in die Welt des Künstlers: Just Passing Through: The Existential World of Saburo Murakami
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