Architektur und konkrete Kunst: Begehbare Ordnung

Heute noch einmal wieder ein wenig Theorie rund um Konstruktivismus und Konkrete Kunst sowie ihr Zusammenspiel mit Architektur. Kaum ein Feld verdeutlicht nämlich die Nähe von Konstruktivismus und konkreter Kunst so sehr wie die Architektur. Schon die Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts sehen in der konstruktiven Formensprache nicht nur ein künstlerisches Experiment, sondern ein Modell für die Gestaltung des Lebensraums. Heute wird diese Idee neu aufgenommen: Zahlreiche Künstlerinnen, Künstler und Architekten arbeiten an der Schnittstelle von Kunst und gebauter Umwelt.

Architektur bietet dem Konstruktivismus einen Resonanzraum, der weit über das Bild hinausgeht. Geometrische Ordnung wird hier nicht mehr auf der Leinwand erprobt, sondern im Maßstab der Stadt. Fassaden, Plätze oder ganze Gebäude werden zu Trägern konstruktiver Prinzipien. Linien und Raster bestimmen nicht nur die Komposition, sondern auch den Alltag der Menschen, die in diesen Räumen leben.

In Deutschland gibt es zahlreiche Beispiele für diese Verbindung. Künstlerische Konzepte fließen in die Gestaltung von Schulen, Museen oder öffentlichen Plätzen ein. Wandflächen werden zu farbigen Feldern, Glasfassaden verwandeln sich in dynamische Raster, Bodenplatten folgen geometrischen Mustern. Das Ziel ist nicht dekorativ, sondern strukturell: Die Ordnung der Kunst geht in die Ordnung des Raums über.

Bauhaus Dessau, Werkstättenflügel, Beispiel des Zusammenspiels von Architektur und Konstruktivismus

Spannend ist, dass sich hier unterschiedliche Disziplinen überlagern. Während Architekten nach Funktionalität und Konstruktion streben, bringen Künstlerinnen und Künstler die Dimension der Wahrnehmung ein. Der konstruktive Ansatz ermöglicht eine Sprache, die beide Bereiche verbindet. Ein Raster kann zugleich ein tragendes System und ein ästhetisches Statement sein.

Auch temporäre Projekte greifen diese Idee auf. Installationen im öffentlichen Raum verwandeln Plätze in begehbare Raster oder farbige Felder. Besucherinnen und Besucher werden Teil eines Systems, das sich nur durch Bewegung erschließt. Die konstruktive Ordnung wird nicht mehr nur betrachtet, sondern vielmehr „körperlich“ erfahren. Gerade darin zeigt sich, wie aktuell die Sprache der konkreten und konstruktiven Kunst ist: Sie macht Strukturen sinnlich erlebbar.

National und international knüpfen viele Positionen an die Ideen des Bauhaus an, die Kunst und Architektur schon früh zusammenführten. Digitale Architektur- und Stadtplanung erlaubt eine Präzision, die den konstruktiven Prinzipien entgegenkommt, und gleichzeitig eröffnet diese Digitalisierung Räume für Experimente, die früher undenkbar waren.

Architektur und Konstruktivismus teilen denselben Anspruch: Sie wollen Klarheit schaffen und Orientierung geben. In dieser Verbindung entsteht eine Kunstform, die nicht nur gesehen, sondern auch gelebt wird.

Kategorien: ,

Hinterlasse einen Kommentar