Bevor ich in den kommenden Tagen einige aktuelle Künstlerinnen und Künstler des Konstruktivismus’ vorstelle, muss ich nochmals definieren, wo für mich die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten von Konkreten Kunst und Konstruktivismus liegen.
Während Betrachtende oftmals beide Stilrichtungen in einen Topf werfen, trennt Konkrete Kunst und Konstruktivismus tatsächlich jedoch einiges. Beide bewegen sich jenseits der gegenständlichen Darstellung, doch ihre Antriebe, ihre Philosophien und ihr künstlerisches Erbe könnten unterschiedlicher kaum sein. Es ist ein stiller, aber fundamentaler Dialog zwischen reiner Idee und gesellschaftlichem Aufbruch.

Der Konstruktivismus entsteht in den Wirren der russischen Revolution. Für Künstler wie El Lissitzky oder Alexander Rodtschenko war Kunst kein Selbstzweck, sondern eine Waffe. Ihre dynamischen, diagonal durchzogenen Kompositionen aus geometrischen Elementen sollen eine neue, utopische Gesellschaft formen. Die Kunst drängt vom Bild in den Raum, wird zu Architektur, Design oder politischem Plakat. Sie ist laut, propagandistisch und immer auf das Kollektiv und auf die Revolution ausgerichtet. Ihr Puls schlägt im Rhythmus der Maschinen und der aufstrebenden Moderne.
Ganz anders die Konkrete Kunst. Ihr Geburtsort ist nicht das revolutionäre Moskau, sondern das nüchterne Zürich und das quirlige Paris der dreißiger Jahre. Max Bill, ihr wichtigster Theoretiker, postulierte: „Konkrete Kunst ist jene, die auf der Grundlage ihrer eigenen Mittel und Gesetze entsteht – ohne äußere Anleihen bei der Natur.“ Hier geht es nicht um Gesellschaft, sondern um absolute Autonomie. Das Bild ist eine in sich geschlossene, mathematisch oder systematisch durchdachte Realität. Jede Linie, jede Farbe, jede Form folgt einer vorherbestimmten, rationalen Logik. Es ist ein stilles, fast meditatives Erforschen von Ordnung, Harmonie und visueller Wahrheit.
Während der Konstruktivist den Zirkel nutzt, um damit eine neue Welt zu zeichnen, setzt ihn der konkrete Künstler ein, um die perfekte Form an sich zu finden. Der eine ist extrovertiert und politisch, der andere introvertiert und philosophisch.
Trotz dieser Gegensätze eint sie die radikale Hinwendung zur Abstraktion – bis eben hin zur Gegenstandslosigkeit – und der Glaube an eine universelle, visuelle Sprache. Beide Strömungen haben die Kunst des 20. Jahrhunderts tief geprägt – der Konstruktivismus als Wegbereiter des Designs und der Architektur der Moderne, die Konkrete Kunst als Grundstein der systematischen und programmierten Kunst. Heute, in einer von Unordnung geprägten Welt, gewinnen beide Haltungen wieder an Relevanz: die eine als Appell an kollektives Handeln, die andere als Suche nach Klarheit in der reinen Form.
Siehe hierzu auch: Konstruktivismus – Kunst und Design
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