Die Euston Road School: Engagierter Realismus in der britischen Vorkriegskunst

Vorgestern schon kurz erwähnt: die Euston Road School. Hier ein wenig mehr: Im Herbst 1937 gründet sich in einem unscheinbaren Atelier nahe der Londoner Euston Station eine Künstlergruppe, die den Kurs der britischen Malerei nachhaltig beeinflussen sollte. Die Euston Road School, initiiert von Victor Pasmore, William Coldstream, Claude Rogers und Graham Bell, vertritt einen unprätentiösen Realismus, der sich bewusst von den künstlerischen Extremen der dreißiger Jahre abgrenzt. In einer Zeit, die zwischen politisierter Propagandakunst einerseits und avantgardistischen Abstraktionstendenzen andererseits schwankt, entwickelt die Gruppe einen dritten Weg: eine Malerei der genauen Beobachtung und sozialen Verantwortung, die ohne Pathos oder Stilisierung auskommt.

Eusto Road, anonym, Quelle: Wikipedia, Euston Road looking west Wellcome M0020274CC BY 4.0

Das künstlerische Programm der Euston Road School ist gleichermaßen einfach wie radikal. Die Mitglieder lehnen sowohl den aufkommenden Surrealismus als auch die reine Abstraktion ab und wenden sich stattdessen einer nüchternen Darstellung der sichtbaren Welt zu. Ihr Credo – „Malerei soll sein, was sie ist: eine flache Oberfläche mit Pigmenten“ – verdeutlicht die Abkehr von jeder Form künstlerischer Überhöhung. Charakteristisch für ihre Werke werden eine zurückhaltende Farbpalette mit dominierenden Grau- und Erdtönen, eine skizzenhafte Unfertigkeit, bei der Korrekturen und Übermalungen bewusst sichtbar blieben, sowie die Konzentration auf alltägliche Motive wie Straßenszenen, Interieurs und Porträts.

Besonders bemerkenswert ist der sozialrealistische Ansatz der Gruppe, der sich jedoch deutlich von politischen Doktrinen unterscheidet. Werke zeigen oft Milieustudien, die weder romantisieren noch anklagen, sondern in ihrer direkten Sachlichkeit den Blick für soziale Realitäten schärfen. Diese Haltung erweist sich als prägend für viele britische Künstler, die während des Zweiten Weltkriegs als offizielle Kriegsmaler tätig sind.

Obwohl die Euston Road School als organisierte Gruppe nur bis 1939 besteht, entfaltet ihr Einfluss eine lang anhaltende Wirkung. Sie bildete eine wichtige Brücke zwischen traditioneller und moderner Malerei in Großbritannien und bereitete den Boden für nachfolgende Bewegungen wie die Kitchen Sink School der fünfziger Jahre. Ironischerweise sollte ausgerechnet Victor Pasmore, einer der Gründerväter der Euston Road School, in den vierziger Jahren zum Wegbereiter der Konstruktivistischen und Konkreten Kunst werden – ein Beleg für die produktiven Widersprüche dieser Künstlergeneration.

Hier der Verweis zum Wikipedia Eintrag: Euston Road School

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