Nach den ersten wesentlichen und Künstlern der Systems Group, die ich in den vergangenen Tagen hier vorgestellt habe, heute mal ein wenig Theorie: Systemische Kunst – Systems Art.
Im Bereich der gegenstandlosen Kunst bilden die Systemische Kunst und die Konkrete Kunst zwei eigenständige, faszinierende Strömungen, die sich zwar in ihrer formalen Strenge ähneln, jedoch grundlegend unterschiedliche Konzepte verfolgen. Während die Konkrete Kunst als ästhetische Revolution gegen den Subjektivismus auftritt, geht die Systemische Kunst noch einen Schritt weiter und machte das zugrundeliegende Regelwerk selbst zum eigentlichen Kunstwerk.
Wie schon so oft hier erläutert: Die Konkrete Kunst entsteht in den dreißiger Jahren durch Theo van Doesburg und wird maßgeblich von Max Bill geprägt. Sie fordert eine vollständig gegenstandlose, autonome Kunst, die also bewusst auf Naturvorbilder oder symbolische Bezüge gänzlich verzichtet. Charakteristisch sind in der ursprünglichen Idee neben der Gegenstandslosigkeit, mathematische Präzision in der Geometrie sowie der Einsatz reiner Farben. Die Bewegung versteht sich als klare Abgrenzung zu jeder Form von subjektivem Expressionismus.
Die Systemische Kunst entwickelt sich in den sechziger Jahren als konsequente Weiterführung dieser Ideen. Sie stellt weniger einen eigenständigen Stil dar, sondern vielmehr eine künstlerische Methode. Ihr wesentliches Merkmal ist die strikte Anwendung regelbasierter Prozesse – Algorithmen, mathematische Folgen und serielle Anordnungen bestimmen die Werkentstehung. Künstler wie Malcolm Hughes oder der amerikanische Konzeptkünstler Sol LeWitt schaffen Arbeiten, die wie visuelle Gleichungen wirken und bei denen der Schaffensprozess selbst zum eigentlichen Kunstgegenstand wird.

Grundlegende Unterschiede kennzeichnen beide Richtungen: Im Entstehungsprozess folgt die Konkrete Kunst ästhetischen Entscheidungen, während die Systemische Kunst einem vorab definierten Regelwerk gehorcht. Die Rolle des Kunstschaffenden wandelt sich vom gestaltenden Urheber zum bloßen „Programmierer“, der lediglich Parameter setzt. Während konkrete Werke geschlossene, harmonische Kompositionen darstellen, ergeben systemische Arbeiten oft offene Serien mit potenziell unendlichen Variationsmöglichkeiten.
Die Bedeutung der Systemische Kunst reicht bis in die Gegenwart: Sie wirkt wie eine Vorläuferbewegung der heutigen Digitalkunst. Generative Kunst mit KI-Beteiligung, algorithmisch erzeugte Kunstwerke und viele konzeptuelle Ansätze der Gegenwartskunst bauen auf ähnlichen Prinzipien auf. Selbst in der Architektur und im Design finden sich Spuren dieses systemischen Denkens.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Konkrete Kunst feiert das „Was“ – die Schönheit geometrischer Formen an sich. Die Systemische Kunst untersucht dagegen das „Wie“ – die Regeln und Prozesse, die Kunstwerke hervorbringen. Beide Strömungen demonstrieren auf ihre Weise, dass in der bewussten Reduktion oft die größte Komplexität liegt und dass die scheinbar nüchternsten Ansätze die spannendsten Fragen an das Wesen der Kunst selbst stellen können.
So viel zur Theorie!
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