Nochmal zu Piero Dorazio, einem der Mitbegründer der Konkreten Kunst in Italien: Piero Dorazio strebte danach, sowohl Marxist als auch Formalist zu sein, wie er in dem Manifest zur Gründung der Gruppe Forma 1 gemeinsam mit den Gründungsmitgliedern festhält. Er verfolgt die Absicht, seine Malerei nicht aus politischen oder literarischen Inhalten zu speisen, sondern vielmehr ein positives Gegenüber zur bedrückenden Situation der Nachkriegsjahre zu schaffen. In diesem Gegenüber sollten sich die allegria (Fröhlichkeit) und die luciditá (Klarheit) vereinen. Bereits im Alter von 30 Jahren entwickelt Piero Dorazio einen eigenen Stil, indem er sich mit den kunst- und kulturhistorischen Traditionen Europas, Wassily Kandinskys Schrift „Über das Geistige in der Kunst“ sowie Piet Mondrians geometrische Strukturierung der Bildoberfläche auseinandersetzt.

Piero Dorazio nutzt farbige Streifen, Linien oder Bänder unterschiedlicher Intensität und Dichte, die diagonal, vertikal oder rektangulär geführt waren. Diese setzt er als Farbfelder, Gitter oder Cluster zusammen, um farbiges Licht zu erzeugen. Dabei organisiert er die Bildfläche nach einer genau kalkulierten Ordnung, trägt das Kolorit jedoch nicht flächig, sondern vibrierend auf. Durch diese Herangehensweise gelingt es Piero Dorazio, das malerische und das zeichnerische Prinzip in einem ausgewogenen Ganzen zu vereinen. Seine Kunst erlangt dadurch eine spirituelle Qualität, die über die darstellbare Realität hinausreicht und als sichtbare Energie spürbar wird.
Im Verlauf seiner künstlerischen Karriere werden Piero Dorazios heitere und harmonisch komponierte Farbstrukturen kräftiger, gewagter und farbenreicher. Insbesondere in seiner Werkgruppe „Le nebulose“ aus den 1970er-Jahren entstehen ganze Farbakkorde. In einer Zeit, die von der Erforschung des Weltraums geprägt war, reflektieren diese Darstellungen eine in kleinste Teilchen zersplitterte Vision des Universums. Viele dieser Bilder erhalten daher Namen von Sternen und kosmologischen Begriffen. Ein wesentliches Element von Piero Dorazios künstlerischer Suche ist die „Harmonie der Materie“, wobei er das Zusammenspiel von malerischer Substanz und geistiger Idee als zentral betrachtet. Auf dieser Grundlage misst er dem Arbeitsprozess ebenso wichtige Bedeutung bei wie der Entwicklung des künstlerischen Gedankens.
Quelle dieser Einführung ist der Artikel von Isabell Skokan: „Piero Dorazio“, in: Konkret. Die Sammlung Heinz und Anette Teufel im Kunstmuseum Stuttgart, Bestandskatalog Bd. 1, Stuttgart, 2009, S. 106
Einige Werke des Künstlers finden sich bei WikiArt: Piero Dorazio
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