Code Reading als zeitgemäße Fortsetzung konkreten Denkens

Vorgestern habe ich an dieser Stelle die Bedeutung des Code Readings für die Generative Kunst, die derzeit mein Thema ist, erläutert. Hier noch ein wenig mehr über das Zusammenspiel von Code Reading, Generativer Kunst und Konkreter Kunst:

Code Reading und Konkrete Kunst sind enger miteinander verbunden, als es der digitale Charakter der generativen Kunst zunächst vermuten lässt. Beide beruhen auf der gleichen ästhetischen Grundhaltung: Kunst entsteht aus klar formulierten Regeln, nicht aus subjektivem Ausdruck. Wie Max Bill oder Vera Molnár legen generative Künstler die Ordnung und Struktur ihrer Werke offen. Der Unterschied liegt in der Mediumverschiebung: von Papier, Raster und Maß zu Code, Algorithmus, Programmierlogik und System. Was sich verändert, ist also das Medium nicht die Denkhaltung. Die Kunst wird dadurch nicht nur als Produkt, sondern als Denkprozess erlebbar. Die Regeln selbst werden Teil der ästhetischen Erfahrung.

Die Konkrete Kunst, wie sie von Künstlern wie Max Bill, Richard Paul Lohse oder Josef Albers geprägt wird, versteht das Kunstwerk als sichtbar gemachte Ordnung. Linien, Farben und Flächen folgen einer inneren Logik, die für die Betrachtenden nachvollziehbar bleiben. Ein konkretes Werk ist nicht rätselhaft oder symbolisch, sondern erklärbar. Man kann seine Struktur lesen. Genau hier setzt Code Reading an.

Code Reading in der generativen Kunst bedeutet, dass das Werk seine Entstehungslogik preisgibt. Das Bild soll nicht nur wirken, sondern verstanden werden können. Wiederholung, Variation, Symmetrie oder graduelle Verschiebung sind visuelle Hinweise auf die zugrunde liegenden Regeln. Die Betrachtenden lesen das Werk wie ein Diagramm eines Prozesses. Dieses lesende Sehen entspricht exakt dem Anspruch der Konkreten Kunst.

Bereits vor dem Computer arbeiten konkrete Künstler mit etwas, das man rückblickend als analoges Code Reading bezeichnen kann. Ein typischen, serielles Bild von Paul Lohse lässt erkennen, wie Farben systematisch angeordnet oder permutiert werden. Bei Josef Albers wird sichtbar, wie Farbwerte sich gegenseitig beeinflussen. Das Werk fungiert als visuelle Ausführung eines Regelwerks – ähnlich wie ein Programm, das ausgeführt wird.

Der entscheidende Unterschied liegt im Zeit- und Prozessbezug. Konkrete Kunst ist meist statisch. Das Regelwerk wird einmal umgesetzt. Generative Kunst hingegen kann Prozesse sichtbar machen: Regeln entfalten sich über Zeit, variieren bei jeder Ausführung, reagieren auf Parameter. Code Reading erweitert die Konkrete Kunst um eine dynamische Dimension, ohne deren Grundprinzipien zu verlassen.

Auch die Rolle der Kunstschaffenden ist vergleichbar. In beiden Fällen entwerfen sie nicht primär Formen, sondern Systeme. Sol LeWitt formuliert dies explizit, wenn er die Idee als „Maschine, die Kunst herstellt“ beschreibt. In der generativen Kunst wird diese Maschine buchstäblich: der Algorithmus übernimmt die Ausführung. Code Reading sorgt dafür, dass diese Maschine nicht zur Black Box wird, sondern ästhetisch transparent bleibt.

Code Reading ist eine zeitgemäße Fortsetzung konkreten Denkens. Es überträgt dessen Rationalität, Klarheit und Nachvollziehbarkeit in den digitalen Raum. Wo Konkrete Kunst Ordnung sichtbar macht, macht Code Reading Ordnung lesbar. In beiden Fällen entsteht eine Kunst, die nicht interpretiert werden muss, sondern verstanden werden kann – als präzise, sinnlich erfahrbare Struktur.

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