In der generativen Kunst ist Code nicht nur Werkzeug, sondern oft das eigentliche Medium. Künstlerinnen und Künstler schreiben Programme, die Bilder, Animationen oder Installationen erzeugen – und dennoch bleibt der Code für die Betrachtenden häufig unsichtbar. Das Konzept des „Code Reading“ verändert diese Perspektive. Hier wird der Algorithmus selbst zum Teil des Kunstwerks, lesbar, nachvollziehbar und ästhetisch erfahrbar.

Im Kern geht es beim Code Reading darum, die Logik hinter den Bildern sichtbar zu machen. Jede Linie, jede Form, jede Bewegung entsteht durch Regeln und Berechnungen. Durch die Offenlegung oder Visualisierung dieser Regeln kann der Betrachter den Entstehungsprozess erkennen: Welche Parameter bestimmen Position, Farbe oder Größe? Wie reagieren Elemente aufeinander? Welche Rolle spielt Zufall? Code Reading macht also sichtbar, wie das Werk funktioniert – und nicht nur, wie es aussieht.
Code Reading hat auch einen experimentellen Aspekt. Viele Künstlerinnen und Künstler visualisieren ihren Code in Echtzeit oder lassen ihn interaktiv auf die Betrachtenden reagieren. Ein Algorithmus kann als Diagramm, als animiertes Netz oder als abstrahierte Darstellung seiner eigenen Prozesse sichtbar werden. So wird aus einem unsichtbaren, technischen Instrument ein ästhetisches Objekt, das Struktur, Bewegung und Regelhaftigkeit erfahrbar macht.
Ein weiterer zentraler Punkt ist die Bildung von Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Gerade in Zeiten komplexer Algorithmen und künstlicher Intelligenz wird Code Reading zum Gegenmittel gegen die Black-Box-Mentalität. Der Betrachter kann die Entstehung verstehen, Zusammenhänge erkennen und die Kreativität des Systems nachvollziehen. Das Werk bleibt dadurch rational, aber gleichzeitig offen und ästhetisch reichhaltig.
Code Reading zeigt, dass generative Kunst mehr ist als das sichtbare Bild. Sie macht die Regeln, Prozesse und Entscheidungen hinter der Form erfahrbar. So verschiebt sich die Rolle der Betrachtenden: Von passiven Rezipienten werden sie zu aktiven Entdeckern eines Systems, das ebenso präzise wie überraschend agiert. In dieser Offenheit liegt eine besondere Schönheit – eine Ästhetik, die aus Logik und Kreativität gleichermaßen entsteht.
Historisch lassen sich die Wurzeln dieses Konzepts in den frühen Pionierarbeiten der algorithmischen Kunst erkennen. Künstler wie Manfred Mohr, Vera Molnár oder Casey Reas legen die Regeln ihrer Systeme explizit offen – sei es durch Dokumentation, Plotterzeichnungen oder interaktive Präsentationen. Heute geht Code Reading noch weiter: Algorithmen werden visualisiert, kommentiert oder in performative Prozesse eingebunden.
In den kommenden Tagen mehr zum Code Reading und den Zusammenhängen zwischen Code Reading und Konkreter Kunst.
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