Ein weiterer prägender Künstler, der in einer Auflistung von zeitgenössischen, generativen Künstlern eigentlich nicht fehlen darf, ist Jared Tarbell. Seine Arbeiten entstehen aus streng definierten Algorithmen und wirken dennoch überraschend lebendig. Genau in dieser Spannung liegt ihre besondere Qualität seiner generativen Kunst: Jared Tarbell zeigt, wie sich aus mathematischer Ordnung Formen entwickeln, die an Wachstum, Bewegung und natürliche Prozesse erinnern.

Geboren und aufgewachsen in Albuquerque, New Mexico, studiert Jared Tarbell zunächst Informatik von der New Mexico State University. Er arbeitet früh mit Code als künstlerischem Material und zählt zu den zentralen Akteuren rund um die Programmiersprache Processing, die in den letzten Tagen hier Thema war. Seine Systeme basieren auf einfachen Regeln, die miteinander interagieren. Linien folgen Vektoren, Punkte reagieren auf Nachbarschaften, Strukturen wachsen, verzweigen sich oder verdichten sich. Die Ergebnisse sind komplexe Bilder, die weniger konstruiert als vielmehr gewachsen erscheinen. Nichts wirkt dekorativ, alles folgt einer inneren Logik.
Charakteristisch für Jared Tarbells Ansatz ist der Verzicht auf erzählerische oder symbolische Inhalte. Seine Arbeiten stellen nichts dar, sie simulieren keine Landschaften und keine biologischen Formen im klassischen Sinn. Und doch erinnern sie an Natur. Diese Assoziation entsteht nicht durch Abbildung, sondern durch Struktur. Jared Tarbell nutzt Prinzipien wie Emergenz, Wiederholung und minimale Variation – Konzepte, die sowohl in der Mathematik als auch in natürlichen Systemen eine zentrale Rolle spielen. Damit steht seine Kunst in einer klaren Linie zur Konkreten Kunst und geometrischen Abstraktion. Auch hier geht es bekanntlich um Ordnung, Gesetzmäßigkeit und Selbstbezüglichkeit. Der entscheidende Unterschied liegt im zeitlichen Aspekt. Während klassische konkrete Werke statisch sind, entfalten sich Jared Tarbells Arbeiten prozesshaft. Sie entstehen vor den Augen der Betrachtenden oder werden als Momentaufnahme eines fortlaufenden Systems präsentiert. Das Bild ist kein Endpunkt, sondern ein Zustand.
Jared Tarbell interessiert sich besonders für die Frage, wie viel Komplexität aus wenigen Regeln entstehen kann. Seine Algorithmen sind oft überraschend schlank. Gerade diese Reduktion verleiht den Arbeiten ihre Klarheit. Der Code bleibt überschaubar, das visuelle Ergebnis jedoch reich und vielschichtig. In dieser Haltung zeigt sich ein tiefes Vertrauen in Systeme – und ein bewusster Rückzug des Künstlers aus der direkten Formentscheidung. Auch ästhetisch bleiben Jared Tarbells Arbeiten zurückhaltend. Farbigkeit wird sparsam eingesetzt, Linien und Strukturen dominieren. Die Nähe zu zeichnerischen Traditionen ist spürbar, obwohl kein Stift im Spiel ist. Jared Tarbell nutzt digitale Mittel, um Präzision zu erreichen, nicht um Spektakel zu erzeugen.
Jared Tarbell steht exemplarisch für eine Form generativer Kunst, die sich der Ruhe und Konzentration verpflichtet fühlt. Seine Werke laden zur kontemplativen Betrachtung ein und machen sichtbar, wie sich Ordnung in Bewegung übersetzt. In einer Zeit digitaler Überreizung wirkt diese Haltung fast subversiv. Jared Tarbell zeigt, dass algorithmische Kunst nicht laut sein muss, um relevant zu sein – sondern klar, konsequent und strukturell durchdacht.
Eine Reihe Fotos seiner Werk findet sich hier: infinite.center – towards a more perfect algorithm und im Webauftritt des Kate Vass Studios: Jared S. Tarbell
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