Processing: Die Programmiersprache, die Kunst denken lernt

Casey Reas, den ich vorgestern hier vorgestellt habe, ist der Vater von Processing: Processing ist mehr als eine Programmiersprache – sie ist ein kulturelles Werkzeug, das die Art und Weise verändert, wie Künstlerinnen und Künstler mit Code arbeiten. Entwickelt Anfang der 2000er-Jahre von eben Casey Reas und Ben Fry, entsteht Processing aus einem klaren Anliegen: Programmieren soll zugänglich werden – nicht nur für Informatiker, sondern für Gestalter, Künstler und Designer. Heute gilt Processing als eines der wichtigsten Fundamente der zeitgenössischen generativen Kunst.

Programmiersprache PROCESSING

Im Zentrum von Processing steht die Idee, Code als visuelles Medium zu begreifen. Anders als klassische Programmiersprachen ist Processing von Beginn an auf das Zeichnen, Animieren und Simulieren ausgelegt. Wenige Zeilen Code genügen, um Linien, Flächen oder komplexe Bewegungen zu erzeugen. Diese Niedrigschwelligkeit ist kein technischer Zufall, sondern ein bewusstes gestalterisches Prinzip. Processing will Hemmschwellen abbauen und kreatives Experimentieren fördern.

Dabei knüpft die Sprache unmittelbar an Traditionen des Konstruktivismus und der Konkreten Kunst an. Processing arbeitet mit Koordinatenräumen, Vektoren, Wiederholungen und Transformationen – also mit genau jenen Elementen, die auch in konstruktiven Bildsprachen zentral sind. Der Unterschied liegt im Prozess. Wo das konkrete Kunstwerk statisch bleibt, erlaubt Processing zeitliche Entwicklung. Formen können wachsen, sich verschieben, reagieren oder zerfallen. Das Bild wird zu einem Zustand innerhalb eines Systems.

Processing fördert ein Denken in Regeln statt Ergebnissen. Der Code beschreibt nicht, wie ein Bild aussehen soll, sondern wie es sich verhält. Linien folgen Anweisungen, Objekte reagieren auf Parameter, Zufall wird gezielt integriert. Dadurch entstehen Werke, die sich bei jeder Ausführung verändern können. Diese Offenheit macht Processing zu einem idealen Werkzeug für generative Kunst, bei der das einzelne Bild weniger wichtig ist als das zugrunde liegende System.

Ein weiterer entscheidender Aspekt ist die Offenheit der Plattform. Processing ist Open Source, kostenlos und von einer weltweiten Community getragen. Künstlerinnen, Designer, Architekten und Lehrende teilen Code, entwickeln Bibliotheken und erweitern die Sprache kontinuierlich. Dieser kollaborative Charakter prägt auch die Ästhetik: Processing-Kunst entsteht oft im Dialog, nicht im abgeschlossenen Atelier.

Gleichzeitig bleibt Processing bemerkenswert zurückhaltend. Die Sprache erzwingt keine bestimmte Ästhetik, sie produziert keine Effekte von selbst. Alles, was sichtbar wird, ist das Resultat bewusster Entscheidungen. Diese Neutralität macht Processing besonders attraktiv für Künstler, die sich der Reduktion, Klarheit und Struktur verpflichtet fühlen. Geometrische Systeme, serielle Anordnungen und minimalistische Kompositionen lassen sich präzise umsetzen, ohne ornamental zu werden.

Processing ist damit nicht nur ein kostenloses, technisches Werkzeug, sondern ein Denkmodell. Es lehrt, in Systemen zu arbeiten, Prozesse zu entwerfen und Kontrolle abzugeben, ohne Verantwortung zu verlieren.

Für die zeitgenössische generative Kunst ist Processing das, was Lineal und Raster für die Konkrete Kunst sind: ein Mittel zur Ordnung – und zugleich ein Raum für Variation, Bewegung und Überraschung.

Jede Menge mehr zur Programmiersprache und dessen Nutzung: Welcome to Processing!

Viel Spaß beim Programmieren!

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