Was ist konkret an generativer Kunst? Ordnung, Struktur und Systemdenken

Generative Kunst wirkt auf den ersten Blick wie ein Produkt der digitalen Gegenwart: Algorithmen, Code und künstliche Intelligenz erzeugen Bilder, Animationen und Installationen, die sich ständig verändern. Doch bei genauer Betrachtung wird klar, dass diese Kunstform eng mit Prinzipien verbunden ist, die schon die Konkrete Kunst des 20. Jahrhunderts geprägt haben. Sie ist konkret, weil sie systematisch, regelgebunden und rational organisiert ist – nicht zufällig oder rein expressiv.

Im Kern geht es bei generativer Kunst um Systeme und Prozesse. Künstlerinnen und Künstler definieren Regeln, nach denen Formen, Farben und Bewegungen entstehen. Diese Regeln können einfach oder komplex sein, statisch oder dynamisch. Ähnlich wie bei der Konkreten Kunst bestimmt die Idee die Form, nicht umgekehrt. Der Algorithmus fungiert wie ein Werkzeug, das den Plan umsetzt, während der kreative Impuls in der Gestaltung der Regeln liegt – also bei den Kunstschaffenden.

Automatisches Zeichengerät ZUSE
Tomasz Sienicki [user: tsca, mail: tomasz.sienicki at gmail.com], Automatisches Zeichengeraet ZUSE Z64 ubtCC BY 3.0

Ein wesentliches Merkmal ist die Selbstbezüglichkeit der Werke. Konkrete Kunst stellt keine narrative oder symbolische Darstellung her und bildet dementsprechend auch nichts Gegenständliches ab. Generative Kunst folgt diesem Prinzip. Ein generatives System erzeugt Bilder aus sich selbst heraus: Linien reagieren auf andere Linien, Formen ordnen sich in rhythmischen Mustern, Farben variieren nach definierten Parametern. Das Werk verweist auf sich selbst, auf die Logik seiner Entstehung, nicht auf externe Inhalte. Viele generative Arbeiten sind nicht auf ein festes Ergebnis festgelegt. Ein Algorithmus kann bei jeder Ausführung neue Varianten erzeugen. Das einzelne Bild wird so zu einem Moment innerhalb eines größeren Systems. Diese Prozesshaftigkeit unterscheidet generative Kunst von traditioneller Konkreter Kunst, ergänzt aber deren Prinzipien: Struktur, Wiederholung, Symmetrie und Ordnung bleiben erhalten, nur die Ausprägung kann variieren.

Ein weiterer Aspekt ist die Rationalität und Nachvollziehbarkeit, die bei der Konkreten Kunst im engeren Sinne eine wichtige Rolle spielt. Jede Veränderung, jede Variation folgt einer definierten Regel. Zufall oder Variation sind kein beliebiger Effekt, sondern integrale Bestandteile des Systems. So wird selbst Komplexität berechenbar und ästhetisch erfahrbar. Die Kunst wird sichtbar als die konkrete Umsetzung eines Gedankens, einer Idee oder eines algorithmischen Gesetzes.

Die Konkretheit zeigt sich auch ästhetisch: klare Linien, geometrische Formen, serielle Anordnungen, reduzierte Farbigkeit. Wie bei Max Bill, Vera Molnár oder Manfred Mohr steht nicht der Ausdruck im Vordergrund, sondern die präzise Organisation der Elemente. Auch wenn Algorithmen digitale Mittel einsetzen, bleiben die Prinzipien der Ordnung, Struktur und Systematik erhalten.

Generative Kunst ist also konkret, weil sie Regeln, Systeme und Prozesse sichtbar macht. Sie verbindet die Präzision der Konkreten Kunst mit den Möglichkeiten digitaler Technologien und eröffnet damit eine neue Form der Abstraktion. Ordnung wird erlebbar, Struktur wird sichtbar, und die Betrachtenden können das Werk nicht nur sehen, sondern seinen inneren Logiken folgen.

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