Konkrete Kunst und Mathematik

„Bedarf die konkrete Kunst der Mathematik?“ Ein interessante Frage eines Lesers meines Blogs. Hier der Versuch einer Antwort:

Die Konkrete Kunst versteht sich zunächst einmal als eine Kunstform, die nichts darstellt außer sich selbst. Sie verzichtet bewusst auf Symbolik, Narration und subjektiven Ausdruck und richtet ihren Fokus auf Formen, (Grund-)Farben und Struktur. In diesem radikalen Anspruch liegt ihr engster Zusammenhang mit der Mathematik. Denn auch die Mathematik operiert mit abstrakten Systemen, die keiner äußeren Wirklichkeit bedürfen, sondern aus eigenen Regeln und Definitionen hervorgehen.

Konkrete Kunst und Mathematik

Im Zentrum der Konkreten Kunst im engeren Sinne steht nicht nur der Anspruch nichts Gegenständliches zu abstrahieren sondern auch ein Anspruch einer exakten Planung. Ein Werk entsteht dann nicht aus spontaner Eingebung, sondern aus einem klar formulierten Konzept. Linien folgen festen Regeln, Flächen sind präzise berechnet, Farben werden systematisch eingesetzt. Dieser methodische Ansatz erinnert an mathematisches Denken, bei dem jede Operation nachvollziehbar und überprüfbar ist. Künstlerinnen und Künstler der Konkreten Kunst arbeiten häufig mit geometrischen Grundformen wie Quadrat, Kreis oder Dreieck – Formen, die in der Mathematik als elementar gelten.

Ein wichtiger Aspekt ist die Bedeutung von Proportion und Ordnung. Viele konkrete Werke basieren auf Zahlenverhältnissen, seriellen Anordnungen oder symmetrischen Strukturen. Wiederholung und Variation erzeugen visuelle Rhythmen, die sich aus mathematischen Prinzipien ableiten lassen. Dabei geht es nicht um Dekoration, sondern um die Sichtbarmachung von Gesetzmäßigkeiten. Die Mathematik fungiert als unsichtbares Gerüst, das dem Werk Stabilität und Klarheit verleiht.

Deutlich wird dir Zusammenhang zwischen Konkreter Kunst und Mathematik in der Konkreten Skulptur. Dreidimensionale Arbeiten folgen oft streng geometrischen Konstruktionen, die sich im Raum entfalten. Volumen, Achsen und Bewegungen lassen sich mathematisch beschreiben. Der Betrachtende erlebt die Skulptur als logisch aufgebautes System, das dennoch sinnlich erfahrbar bleibt. Mathematik und Wahrnehmung greifen hier unmittelbar ineinander.

Auch der Ausschluss des Subjektiven verbindet Konkrete Kunst und Mathematik. Emotionen, biografische Bezüge oder psychologische Deutungen treten in den Hintergrund. Stattdessen steht ein objektiver Anspruch im Vordergrund. Das Werk soll für sich sprechen und nach denselben Regeln funktionieren, unabhängig davon, wer es betrachtet oder ausführt. Diese Haltung entspricht dem mathematischen Ideal von Allgemeingültigkeit.

Gleichzeitig ist die Konkrete Kunst keine bloße Illustration mathematischer Formeln. Sie übersetzt abstrakte Prinzipien in visuelle Erfahrungen. Farben erzeugen Spannungen, Flächen treten in Beziehung zueinander, minimale Verschiebungen verändern das Gesamtgefüge. Die Mathematik liefert die Struktur, die Kunst schafft die sinnliche Präsenz.

Zusammenfassend, vereinfacht wäre meine Antwort wohl so: Konkrete Kunst im engeren Sinne braucht wohl die Mathematik, um damit den Grundaufbau eines Werkes zu realisieren; Konkrete Kunst im weiteren Sinne – also die Konkrete Kunst, die darauf verzichtet, etwas zu abstrahieren – kann die Mathematik zu Hilfe nehmen, ist aber nicht wirklich auf sie angewiesen, um die Werke zu strukturieren.

Hier noch ein Tipp für ein Buch oder besser Ausstellungskatalog, der mir als Quelle für den obigen Text sehr nützlich war: „Ausgerechnet… Mathematik und Konkrete Kunst“; Hrsg.: Museum im Kulturspeicher Würzburg, 2007

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