Weiter in meiner Reihe über die Konkrete Kunst in Japan: In den späten sechziger-Jahren formiert sich in Japan eine Bewegung, die in bewusster Abkehr von westlicher Moderne und Pop-Art neue Wege sucht: Mono-ha, die „Schule der Dinge“. Während im Westen Minimal Art und Land Art dominieren, konzentrieren sich die jungen Künstlerinnen und Künstler in Tokio und Kobe auf eine andere Frage: Wie verhalten sich Materialien im Raum – ohne dass der Künstler sie dominiert?
Mono-ha ist zunächst ein lose verbundenes Künstlerkollektiv, dass zwischen 1968 und 1975 aktiv ist und sich regelmäßig in einem Bahnhofscafé in Tokio trifft. Es besteht aus Studierenden und Absolventen der japanischen Kunsthochschulen ebenso wie aus befreundeten Künstlerinnen und Künstlern. Mono-ha entsteht in einer Zeit des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs. Die Studentenproteste, die Auseinandersetzungen um den Vietnamkrieg und die Suche nach einer eigenen kulturellen Identität im Nachkriegsjapan prägen in den sechziger Jahren die Haltung dieser Bewegung. Anstatt expressive Gesten oder spektakuläre Performances zu bevorzugen, setzen die Künstlerinnen und Künstler auf eine stille, radikale Einfachheit.
Im Zentrum steht die Präsenz des Materials. Stein, Holz, Glas, Metall, Erde oder Papier – Dinge des Alltags und der Natur werden unverändert oder nur minimal bearbeitet in neue Konstellationen gebracht. Lee Ufan, einer der zentralen Köpfe, beschreibt es als „Begegnung von Dingen“: Nicht die Hand des Künstlers, sondern die Beziehung zwischen Materialien und Raum erzeugt Bedeutung.

Ein typisches Werk zeigt etwa schwere Steine, die auf Glasplatten ruhen, oder Erde, die in einer Galerie aufgeschüttet wird. Solche Arrangements wirken auf den ersten Blick schlicht, entfalten aber eine starke poetische Wirkung. Das Gewicht des Steins, die Zerbrechlichkeit des Glases, die Flüchtigkeit von Erde oder Papier treten in einen spannungsvollen Dialog. Kunst entsteht als Erfahrung – eine Einladung, das Verhältnis von Natur, Raum und Wahrnehmung neu zu betrachten.
Zu den wichtigsten Vertretern zählen neben Lee Ufan auch Nobuo Sekine, dessen Arbeit „Phase – Mother Earth“ von 1968 oft als Gründungsakt von Mono-ha gilt: ein zylinderförmig ausgehobener Erdhügel, der das Verhältnis von Leere und Fülle sichtbar macht.
Weitere zentrale Künstler sind Kishio Suga, Kōji Enokura und Susumu Koshimizu. Jeder von ihnen entwickelt eine eigene Sprache, doch allen gemeinsam ist die Haltung, Materialien nicht zu formen, sondern ihre Eigenheit sichtbar zu machen.
In den kommenden Tagen mehr zu den wesentlichen Strömungen der Mono-ha und deren wichtigsten Vertreterinnen und Vertreter.
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