Chiyu Uemae – Die Textur des Unendlichen

Chiyu Uemae wird 1920 in Nagaoka, in der Präfektur Kyoto, geboren. Er wächst in einer Zeit auf, in der Japan von Krieg und gesellschaftlichem Umbruch geprägt ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg sucht er, wie so viele andere Künstlerinnen und Künstler seiner Generation, nach einem neuen Ausdruck, der über die Zerstörung hinausweist. Er ist Gründungsmitglied der Gutai-Gruppe und nimmt bis zur Auflösung der Gruppe an allen Ausstellungen teil. Dabei bringt er eine ganz eigene Sprache mit in die Gruppe ein: die der Geduld, Wiederholung und Materialität.

Chiyu Uemaes Werke entstehen nicht aus spontaner Aktion oder theatralischer Geste. Stattdessen nähert er sich der Leinwand mit stiller Konzentration. Er näht, klebt, schichtet, überzieht Flächen mit dichten Strukturen aus Farbe, Stoff oder Sägemehl. Was bei anderen Künstlern Explosion ist, wird bei ihm Verdichtung – eine Meditation über Form und Zeit. Seine Oberflächen sind rau, fast archaisch, und doch von einer eigenartigen, stillen Schönheit.

Besonders charakteristisch sind seine Näharbeiten und Fadenkompositionen, in denen er textile Materialien mit Farbe kombiniert. Chiyu Uemae näht Linien über die Leinwand, dicht und unregelmäßig, bis ein Relief entsteht, das zwischen Malerei und Objekt steht. Diese Werke scheinen endlos fortgesetzt werden zu können – als wolle der Künstler den Akt des Machens selbst ins Zentrum rücken, nicht das fertige Bild.

Einführung in eine Ausstellung mit Chiyu Uemaes Werken in der Axel Vervoordt Gallery, 2023

Damit verkörpert Chiyu Uemae eine andere, kontemplative Seite der Gutai-Idee. Während viele seiner Kollegen mit spektakulären Aktionen Aufsehen erregen, arbeitet er zurückgezogen, beinahe asketisch. Für ihn ist das Verhältnis von Mensch und Material ein stilles Gespräch. Die Stoffe, die er verwendet, behalten ihre Eigenart, sie werden nicht unterworfen, sondern respektiert. Dieses Verhältnis entspricht dem Zen-geprägten Denken vieler japanischer Künstler jener Zeit: Kunst als Weg, nicht als Ergebnis.

In den sechziger- und siebziger-Jahren entwickelt Chiyu Uemae seine Technik weiter. Er beginnt, mit Öl auf ungrundierte rLeinwand zu arbeiten, legt Farbschichten übereinander, kratzt, tupft, punktet – manchmal so fein, dass aus der Nähe ein Mikrokosmos aus unzähligen Farbpartikeln sichtbar wird. Seine Malerei bewegt sich zwischen Abstraktion und Taktilität, zwischen Kontrolle und Zufall. Erst spät, in den neunziger- und 2000er-Jahren, erfährt Chiyu Uemaes Werk internationale Anerkennung. Er stirbt 2018, aber seine Kunst bleibt aktuell. In einer Zeit, die oft nach schnellen Bildern verlangt, steht er für das Gegenteil: für das geduldige Sehen, das achtsame Tun. Seine Werke erzählen von der Würde des Materials und der Kraft der Wiederholung – stille Monumente einer unaufhörlichen Suche nach Form und Bedeutung.

Eine englischsprachige Biografie findet sich auf den Webseiten der Axel Vervoordt Gallery: Chiyu Uemae

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