Gutai – „Mache etwas, das noch nie zuvor gemacht wurde.“

Die Gutai-Gruppe (genauer: Gutai Bijutsu Kyōkai, „Konkrete Kunstvereinigung“) ist die wichtigste Gruppe der japanischen Nachkriegskunst. Die Gruppe steht wie keine andere Künstlergruppe für den Aufbruch, die Freiheit und ein radikales Umdenken in der japanischen Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg. 1954 von Jiro Yoshihara in der Region Kansai gegründet, setzt sich die Gruppe aus jungen Künstlerinnen und Künstlern zusammen, die mit der Schwere der Tradition brechen und zugleich der Nachkriegsrealität eine neue Form entgegensetzen wollen. Ihr Credo ist ebenso schlicht wie revolutionär: „Mache etwas, das noch nie zuvor gemacht wurde.“

Kazuo Shiraga, Challenging Mud, 1955, Quelle: WikiArt, (c) FairUse

Von Beginn an steht das Experiment im Mittelpunkt. Die Künstlerinnen und Künstler der Gutai-Gruppe lassen Farbe über Leinwände laufen, durchstoßen Papierwände mit dem Körper, arbeiten mit Rauch, Wasser, Elektrizität. Die Grenze zwischen Malerei, Skulptur und Performance verschwimmt. Kunst entsteht nicht mehr nur im Atelier, sondern in Parks, Hallen, auf Bühnen. Das Publikum wird Zeuge von Aktionen, die gleichermaßen befremden wie faszinieren.

Besonders spektakulär sind die frühen Outdoor-Ausstellungen, bei denen Werke in Bäumen hängen, Installationen in Seen schwimmen oder riesige Objekte in Landschaften aufragen. Kunst zeigt sich nicht länger als abgeschlossenes Werk, sondern als Prozess, als Ereignis in der Gegenwart. Damit sind die Kunstschaffenden der Gutai-Gruppe Vorreiter dessen, was später unter Performance- und Aktionskunst weltweit bekannt wird.

Die Gutai-Künstlerinnen und Künstler verstehen Material nicht nur als Mittel, sondern als aktiven Partner. Ob Schlamm, Holz, Metall oder industrielles Plastik – jedes Material besitzt eine eigene Stimme, die freigesetzt werden soll. Diese Haltung unterscheidet die Gruppe von vielen westlichen Avantgarden: Es geht nicht um Zerstörung, sondern um eine „Befreiung des Materials“. Kunst soll die Eigenheit der Dinge respektieren, nicht sie dominieren.

International sorgt die Gutai-Gruppe schnell für Aufmerksamkeit. Bereits in den fünfziger Jahren werden ihre Werke in Europa und den USA gezeigt, unter anderem durch Kontakte zu Michel Tapié, einem französischen Kritiker, der das Informel propagiert. In diesem Dialog gewinnt die Gruppe und ihre Werke Anerkennung, bleibt jedoch unverwechselbar japanisch. Denn die Verbindung von Spontaneität, Natur und einer feinen Balance zwischen Ordnung und Chaos prägt ihre Arbeiten auf besondere Weise.

Die Gutai-Gruppe existiert bis 1972, doch ihr Einfluss reicht weit darüber hinaus. Viele ihrer Mitglieder, etwa Kazuo Shiraga mit seinen dynamischen Fußmalereien oder Atsuko Tanaka mit dem berühmten „Electric Dress“, prägen die Kunstgeschichte bis heute. In der internationalen Wahrnehmung gilt Gutai inzwischen als eine der wichtigsten Avantgarden der Nachkriegszeit, die nicht nur Japan, sondern auch die globale Kunstlandschaft nachhaltig verändert.

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3 Antworten zu „Gutai – „Mache etwas, das noch nie zuvor gemacht wurde.““

  1. Avatar von juergenkuester

    Inspirierend, danke! Liebe Grüße!

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    1. Avatar von Lars - Arte Concreta

      Bitte sehr! Liebe Grüße Lars

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  2. Avatar von Zwickelbüro Nov 2025 | Ergebnisse und Gedanken | Teil 2 | BUCHALOVS BLOG ••••••••

    […] Diesmal ging es u.a. um die japanische Künstlergruppe „Gutai“ aus den Fünfzigern, die dem Postulat folgten „Mache etwas, das noch nie vorher gemacht wurde“. Sie begriffen das Material als Partner. (siehe auch Beiträge dazu auf >> arte concreta >>>) […]

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