Wie vorgestern erläutert, will ich in den kommenden Tagen die japanische, zeitgenössische und speziell konkrete Kunst zum Thema des Blogs hier machen. Eine Japanreise hat es mir ermöglicht, einen kleinen Eindruck der Vielfalt der Kunstszene zu bekommen. Ich bin ziemlich begeistert zurückgekehrt!
Die japanische Kunst der Gegenwart lebt von Spannungen. Einerseits greift sie auf eine jahrhundertealte Ästhetik zurück, in der Reduktion, Materialbewusstsein und Leere zentrale Rollen spielen. Andererseits sucht sie nach Ausdrucksformen, die global anschlussfähig sind – in Museen, Galerien und Biennalen. Dieses Spannungsfeld prägt Künstlerinnen und Künstler seit den fünfziger Jahren und macht die Szene bis heute einzigartig.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstehen in Japan radikale Künstlergruppen, die neue Wege beschreiten. Besonders die Gutai-Gruppe, 1954 von Jiro Yoshihara gegründet, bricht mit Konventionen. Ihre Mitglieder setzen Farbe, Körper und Material in spektakuläre Aktionen ein. Dabei entstehen Werke, die in ihrer Direktheit den westlichen Informel-Malern nahestehen, aber dennoch eine eigene Bildsprache entwickeln. In dieser Zeit legt Japan den Grundstein für eine abstrakte Kunst, die nicht nur von westlichen Strömungen beeinflusst ist, sondern selbst Impulse in die Welt sendet.
Parallel dazu formiert sich in den späten sechziger Jahren die Bewegung Mono-ha („Schule der Dinge“). Künstlerinnen und Künstler wie Lee Ufan oder Nobuo Sekine arrangieren Stein, Holz, Metall und Glas in minimalistischen Setzungen. Sie verzichten auf spektakuläre Gesten und konzentrieren sich auf das Verhältnis zwischen Material, Raum und Betrachter. Der philosophische Unterbau dieser Werke ist deutlich: Es geht nicht um das Kunstwerk als isoliertes Objekt, sondern um die Erfahrung einer Beziehung – zwischen Dingen, Menschen und Leere. Diese Haltung knüpft an das japanische Denken an, in dem Konzepte wie „Ma“ (der Zwischenraum) oder „Kanso“ (Schlichtheit) eine lange Tradition haben.
In den folgenden Jahrzehnten entwickelt sich aus diesen Wurzeln eine äußerst vielfältige Szene. Manche Künstlerinnen und Künstler wenden sich der geometrischen Abstraktion sowie der Konkreten Kunst zu und erforschen das Spannungsfeld von Linie, Kreis und Fläche. Andere experimentieren mit Technologie, digitale Medien halten früh Einzug in Ateliers und Galerien. Dabei zeigt sich ein roter Faden: Die japanische Gegenwartskunst betrachtet Tradition nicht als starres Erbe, sondern als offenes Reservoir. Aus der Tuschemalerei erwachsen Installationen, aus buddhistischen Symbolen entstehen Videoprojektionen.
Heute ist diese Kunst international präsent wie nie zuvor. Auf der gerade zu Ende gegangenen Setouchi Triennale 2025 verwandeln Installationen ganze Inseln in künstlerische Landschaften. In Museen überall in Japan entstehen Räume, in denen Natur, Architektur und Kunst ineinandergreifen. Die Szene ist global vernetzt und zugleich tief lokal verwurzelt.
Der Blick zurück zeigt: Ohne die Experimente der Nachkriegszeit wäre die Vielfalt der heutigen japanischen Kunst kaum denkbar. Gutai und Mono-ha haben Türen geöffnet, die bis heute durchschritten werden.
Ich werde die Gruppen und ihre wesentlichen Vertreter in den kommenden Tagen hier vorstellen.
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