Michael Kidner entwickelt als einer der eigenwilligsten Vertreter der britischen Nachkriegskunst eine unverwechselbare Position zwischen Systems Art, Op Art, kinetischer und Konkreter Kunst. Sein Œuvre verbindet mathematische Präzision mit organischer Dynamik – er erforscht grundlegende Prinzipien visueller Wahrnehmung.
Der ungewöhnliche künstlerische Weg Michael Kidners beginnt nicht in der Kunst, sondern führte zunächst über Geschichte, Anthropologie und Architektur: Er wird in Northamptonshire geboren und studiert erst Geschichte und Anthropologie in Cambridge. Anschließend studiert er Landschaftsarchitektur in Ohio, bevor er während des Zweiten Weltkriegs in die kanadische Armee dient. Nach seinen Kriegserfahrungen wendet er sich der Malerei zu – anfangs noch unter dem Einfluss des abstrakten Expressionismus. Doch schon bald sucht er nach objektiveren Gestaltungsprinzipien. Entscheidend wird in den sechziger Jahren seine Begegnung mit der konstruktiven Kunst und mit der System Art. Anders als viele seiner Kolleginnen und Kollegen aus der Systems Group interessierte sich Michael Kidner jedoch weniger für statische Raster, sondern viel mehr für fließende Rhythmen und wellenförmige Bewegungen.
Ab Mitte der sechziger Jahre entstehen Michale Kidners charakteristische Wellen- und Faltmuster, die ihn international bekannt machen. In Serien wie den „Wave Structures“ untersucht er systematisch, wie sich Farbverläufe und Linien zu optischen Schwingungen verbinden, welche räumlichen Illusionen durch rhythmische Wiederholungen entstehen und wie sich mathematische Sequenzen – etwa Fibonacci-Reihen oder Sinuskurven – in visuelle Formen übersetzen lassen. Seine Arbeiten wirken wie eingefrorene Bewegungen und erinnern mal an seismische Aufzeichnungen, mal an musikalische Intervalle.
Diese besondere Verbindung von systematischem Ansatz und sinnlicher Wirkung unterscheidet Michael Kidner deutlich von strengeren Konstruktivisten wie Malcolm Hughes. Seine Methode ist gleichermaßen künstlerisch wie wissenschaftlich geprägt: Er beschäftigt sich intensiv mit Chaostheorie und Fraktalen, lange bevor diese Konzepte populär werden, experimentiert mit modularen Systemen, die unendliche Variationen ermöglichen, und arbeitet mit Architekten und Designern zusammen, insbesondere bei kinetischen Installationen.
Obwohl Michael Kidner zeitlebens eher ein Geheimtipp bleibt und nie zum Mainstream der Kunstwelt gehört, erfährt sein Werk später eine Wiederentdeckung. Seine Untersuchungen visueller Rhythmen erscheinen heute wie eine Vorwegnahme digitaler Animationstechniken, und seine modularen Systeme finden ihre Entsprechung im zeitgenössischen parametrischen Design.
Hier geht es zum Webauftritt des Künstlers: Michael Kidner; mehr Fotos seiner Werke – insbesondere auch der oben beschriebenen Wave Structures – auf den Webseiten der Flower Gallery: Michael Kidner | Flowers Gallery
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