Weiter in meiner Reihe britischer Künstler zu Anthony Hill. Er gehört zu den bedeutendsten, aber oft übersehenen Pionieren der britischen Geometrischen Abstraktion und Konkreten Kunst. Als zentrale Figur der Systems Group entwickelt der Londoner Künstler ein faszinierendes Œuvre, das mathematische Präzision mit künstlerischer Innovation verbindet und die konkrete Kunst in Großbritannien nachhaltig prägt.
Nach seinem Studium in London Ende der vierziger Jahre findet Anthony Hill schnell zu einer Formensprache, die von den europäischen Avantgardebewegungen des Konstruktivismus und der Konkreten Kunst inspiriert sind. Besonders die Arbeiten von Max Bill und Josef Albers beeinflussen seinen frühen Stil, doch entwickelt er bald eine eigenständige Position, die geometrische Strenge mit experimenteller Materialität verbindet. Anthony Hill schafft in diese Jahren zahlreiche Reliefs. Ein Merkmal dieser Reliefs ist die Verwendung von nicht traditionellen, industriellen Materialien wie Aluminium und Plexiglas.
In den sechziger Jahren wird Anthony Hill zum Mitbegründer der einflussreichen Systems Group, die Kunst konsequent als regelbasiertes System versteht. Seine während dieser Zeit entstehenden Werke zeigen, wie sich mathematische Algorithmen, Permutationen, Progressionen und serielle Strukturen in visuelle Kompositionen übersetzen lassen. Anthony Hill arbeitet weiter bevorzugt mit industriellen Materialien wie Aluminium, Acryl und Stahl, die seinen präzisen Formen eine besondere materiale Präsenz verleihen.
Neben seiner künstlerischen Praxis erweist sich Anthony Hill als wichtiger Theoretiker und Netzwerker der konstruktiven Kunst. Seine Essays über die Verbindung von Kunst und Mathematik zählen zu den grundlegenden Texten der Bewegung in Großbritannien. Als Mitorganisator der „Systems“-Ausstellung 1972 in der Whitechapel Gallery trägt er maßgeblich zur institutionellen Anerkennung der britischen Konkreten Kunst und Systemkunst bei. Seine internationalen Kontakte zu Künstlern wie François Morellet und Sol LeWitt machen ihn zu einem wichtigen Vermittler zwischen britischen und kontinentaleuropäischen Avantgardebewegungen.
In seinen späteren Schaffensjahren widmete sich Anthony Hill verstärkt kunsttheoretischen Forschungen, ohne jedoch seine künstlerische Arbeit ganz aufzugeben. Sein vielschichtiges Erbe wirkt bis heute nach: Konzeptkünstlerinnen und -künstler beziehen sich auf seine systematischen Ansätze, digitale Kunstschaffende erkennen in seinen algorithmischen Methoden Vorläufer heutiger generativer Verfahren, und Architekten schätzen seine modularen Kompositionsprinzipien.
Anthony Hill hat eine lebenslange Faszination für die Mathematik, und es gibt viele Mathematiker in seinem Bekanntenkreis. Zusammen mit seinem Kollegen John Ernest liefert er Beiträge zur Graphentheorie und wird im Jahr 1979, in Anerkennung einer Reihe von wichtigen mathematischen Schriften zum Mitglied der London Mathematical Society. Auch fast allen seiner Reliefs lagen mathematische Struktur und Logik zugrunde – doch trotz dem Hang zur Mathematik, beschreibt er seine Vorstellung von einem Kunstwerk fast poetisch wie folgt:
„Ein Kunstwerk sollte so exakt sein wie eine Gleichung – und so offen für Interpretationen wie ein Gedicht.“
Mehr zu Anthony Hill (Achill Redo); einige seiner Werke auch bei der Tate: Anthony Hill | Tate
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