Gillian Wise ist wohl eine der einflussreichsten Künstlerinnen in den konstruktivistischen und konkreten Bewegung in Großbritannien. Mit ihren Untersuchungen der Anwendung von Konzepten der Rationalität und ästhetischen Ordnung auf gegenstandslose Gemälde und Reliefs hat sie der Konkreten Kunst wesentliche, neue Impulse gegeben.
Bereits vor dem Abschluss ihres Kunststudiums in London Ende der fünfziger Jahre präsentiert Gillian Wise ihre Werke zusammen mit einer Gruppe konstruktivistischer Künstler in angesehenen Galerien. Im Jahr 1961 wird sie das jüngste Mitglied der Konstruktivisten-Gruppe, die von Victor Pasmore geleitet wird und zu der auch John Ernest, Anthony Hill, Kenneth Martin und Mary Martin zählen.

Ihre Auseinandersetzung mit konstruktivistischer und konkreter Kunst gipfelt in ihrem Beitritt zur einflussreichen Systems Group in den sechziger Jahren. Innerhalb dieser von männlichen Künstlern dominierten Bewegung entwickelte Gillian Wise eine unverwechselbare künstlerische Handschrift, die sich durch besondere Materialität und haptische Qualitäten auszeichnet. Während ihre Kollegen wie Malcolm Hughes oder Jeffrey Steele oft mit flachen Rastern und mathematischen Diagrammen arbeiten, schafft Gillian Wise reliefartige Objekte aus Plexiglas, Metall und Holz, die den Betrachtenden zu einer physischen Auseinandersetzung einladen. Anders als viele ihrer männlichen Kollegen beharrt sie auf der handwerklichen Qualität ihrer Arbeiten – ob in Plexiglas, Metall oder Holz – und schafft so eine Verbindung zwischen rationalem Konzept und haptischer Erfahrung.
Besonders innovativ sind Gillian Wises Beschäftigung mit kinetischen Elementen und Reflexion. Werke wie ihre „Reflective Structures“ (1969) fügen der konkreten Kunst eine zeitliche Dimension hinzu, indem sie Bewegung und sich verändernde Lichtverhältnisse einbeziehen. Dieser Ansatz erweitert den traditionellen Rahmen der Bewegung radikal und weist zugleich auf spätere Entwicklungen in der partizipativen und environmentbezogenen Kunst voraus.
Als Theoretikerin und Netzwerkerin spielte Gillian Wise eine zentrale Rolle in der britischen Kunstszene. Ihre Mitarbeit am wegweisenden „Systems„-Katalog von 1972 und ihre Kooperationen mit Architekten und Komponisten wie John Cage zeigen ihr interdisziplinäres Denken. Dabei entwickelt sie eine spezifisch feminine Perspektive auf die oft männlich dominierte Systemkunst, die dogmatische Formalismen zugunsten einer poetischen Rationalität überwindet.
Das Erbe Gillian Wises ist heute in mehrfacher Hinsicht relevant: Ihre algorithmischen Strukturen erscheinen wie Vorläufer digitaler generativer Kunst, ihre materialbezogene Arbeitsweise inspiriert nach wie vor konstruktiv arbeitende Künstler, und ihr ganzheitlicher Ansatz bleibt Vorbild für die Verbindung von Kunst, Wissenschaft und Alltagserfahrung.
Gillian Wise hinterlässt als eine der wichtigsten britischen Vertreterinnen der Systems Group ein Werk, das die konkrete Kunst grundlegend erweitert und neu interpretiert. Ihre Arbeiten schlagen eine Brücke zwischen der mathematischen Strenge der Zürcher Konkreten und einer sinnlich erfahrbaren Materialität, wodurch sie der oft als steril wahrgenommenen Bewegung der Konkreten Kunst neue Ausdrucksmöglichkeiten eröffnet.
Mehr Informationen und viele Fotos Werke: Gillian Wise; einen Nachruf auf die 2020 verstorbene Künstlerin: In memoriam | Gillian Wise und Getting to know British Artist Gillian Wise better
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