Edward und Nancy Kienholz und die Prostitution in Amsterdam

Nochmals zu Edward Kienholz, den ich in den letzten Tagen hier vorgestellt habe, und seinen Bordells: Neben Roxy’s thematisiert auch sein Werk The Hoerengracht aus den achtziger Jahren das gesellschaftliche Thema der Prostitution. The Hoerengracht ist eine gemeinsame Rauminstallation von Edward und Nancy Kienholz. Sie bildet das Rotlichtviertel von Amsterdam nach und reflektiert eben die Themen Prostitution, Voyeurismus und soziale Ausgrenzung. Der Titel des Werks spielt auf die bekannte Grachtengracht in Amsterdam an, die für ihre Schaufensterprostitution berühmt ist. Die Installation versetzt den Betrachtenden in eine düstere, klaustrophobische Szenerie, in der er sich wie ein Passant durch enge Gassen bewegt, gesäumt von Schaufenstern, in denen weibliche Figuren als Prostituierte arrangiert sind.

Die Figuren sind aus Wachs und anderen Materialien gefertigt, aber bewusst nicht realistisch gestaltet. Ihre Gesichter sind maskenhaft oder anonymisiert, ihre Körper oft fragmentiert oder deformiert. Sie tragen aufreizende Kleidung, wirken jedoch nicht verführerisch, sondern starr und entmenschlicht. Diese Darstellung verweigert die übliche ästhetische Inszenierung von Prostitution und zeigt stattdessen die Isolation und Monotonie des Gewerbes. Die Frauen sind in unbeweglichen Posen hinter Glasscheiben platziert, während der Betrachter zwangsläufig die Rolle des Voyeurs einnimmt – ein bewusster Kunstgriff der Kienholzs, um die Mechanismen von Macht und Konsum zu hinterfragen.

Das gesamte Environment besteht aus realistischen architektonischen Elementen: enge Gänge, rot beleuchtete Fenster, Werbeschilder und künstliche Fassaden schaffen eine bedrückende Atmosphäre. Die Kombination aus realistischen und surrealen Elementen macht The Hoerengracht zu einer hyperrealen, aber zugleich verstörenden Darstellung eines Systems, in dem Frauen als Ware zur Schau gestellt werden.

Edward und Nancy Kienholz hinterfragen mit diesem Werk nicht nur die Prostitution selbst, sondern auch das gesellschaftliche Umfeld, das sie ermöglicht. The Hoerengracht kritisiert nicht die Frauen, sondern die Bedingungen, unter denen sie arbeiten – und das voyeuristische Verhalten der Betrachter, die, ob in der Kunstwelt oder im echten Leben, durch ihre Blicke Teil dieses Systems werden. The Hoerengracht zwingt die Betrachtenden dazu, sich mit dem Thema Prostitution auseinanderzusetzen, nicht als distanziertes Konzept, sondern als unmittelbare Realität, die mit Fragen von Macht, Moral und Menschenwürde verknüpft ist.

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