Eine fast vergessene Pionierin der geometrischen Abstraktion ist die 1895 geborene, russische Künstlerin deutscher Abstammung Xenia Ender. Sie ist in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts eine führenden Künstlerin, deren künstlerische Theorie ZOR-VED (wörtlich: „Sehen-Wissen“) die Kunst in der frühen Sowjetrepublik verändert. Xenia Ender untersucht mit dieser Theorie Farbe nicht nur auf ihre ästhetischen Prinzipien hin, sondern auch darauf, wie Farbe das Auge als visuelle Erfahrung beeinflusst.
Nach der Revolution von 1917 gibt es mehr Möglichkeiten für Frauen, sich weiterzubilden, und so tritt Xenia Ender 1918 der Petrograder (heute St. Petersburg) Werkstatt des Räumlichen Realismus der Freien Künstlerischen Werkstätten (SWOMAS) bei. Dort wiederum schließt sie sich, wie übrigens auch ihre Geschwister Boris und Maria, der avantgardistische Sorwed (Sehen und Führen)-Gruppe von Michail Wassiljewitsch Matjuschin an. Michail Matjuschin gilt als einer der Begründer des Futurismus, ist eng befreundet mit Kasimr Malewitsch und wichtiger Protagonist der russischen Avantgardebewegung.

Nach ihrem Eintritt in die Gruppe interessiert sich Xenia Ender besonders für Michail Matjuschins Workshop über räumlichen Realismus und entwickelte gemeinsam mit ihm die oben erwähnte Theorie von ZOR-VED: ein Experiment mit erweiterter Sicht. Nach ihrem Abschluss im Jahr 1922 bekommt sie eine Anstellung als Mitarbeiterin in der Abteilung für organische Kultur am GINKhUK (Staatliches Institut für künstlerische Kultur) und leitet das Labor zur Erforschung der Beziehung zwischen taktiler, akustischer und visueller Wahrnehmung, um auffälligere Plakatdesigns zu entwickeln. Neben ihrer Forschung beginnt sich Xenia Ender einen Ruf als eigenständige Künstlerin aufzubauen und zeigt ihre abstrakten Arbeiten nicht nur auf Ausstellungen des INKhUK, sondern auch auf der 14. Biennale von Venedig im Jahr 1924.
In den dreißiger Jahren beginnt Xenia Ender als Zeichnerin am Lernprojekt-Institut zu arbeiten und plant die Infrastruktur Leningrads mit. Ihr rationales Denken, ihre klaren Ideen und ihre Vorliebe für klare Konstruktionsformen verschaffen ihr dabei ein hohes Ansehen und sichern ihr eine Anstellung als einflussreiche Industriedesignerin, dem Bereich, in dem sie in den vierziger und fünfziger Jahren in Leningrad arbeitet.
Wenige Werke der Künstlerin finden sich hier: Xenia Ender. Über Michail Matjuschin habe ich an bereits hier im Blog geschrieben: Michail Matjuschin – Komponist, Kunsttheoretiker und Futurist
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