Theo Van Doesburg und die belgische Moderne

Bis zur Ausstellung in der Niederländischen Buchhandlung in Antwerpen (Dezember 1919) führte die Künstlergruppe Kring Moderne Kunst, die ich vorgestern hier vorgestellt habe, ein eher verschlafenes Dasein. Die jungen Organisatoren, der 1918 gegründeten Gruppe, setzen sich zum Ziel, die abstrakte Kunst und den Konstruktivismus in Belgien zu etablieren und haben sich mit der Gründung der Gruppe bereits der Avantgarde-Revolution zugewendet.

Jozef Peeters knüpft in dieser Zeit internationale Verbindungen und kontaktiert erstmals die Mitglieder der De Stijl Gruppe in den Niederlanden. Theo Van Doesburg, der De Stijl 1920 und 1921 intensiv im Ausland (unter anderem in Deutschland, Italien und Frankreich) fördert, hält in Belgien mehrere Vorträge. Sie sind für den Aufstieg der geometrischen Abstraktion in Antwerpen und Brüssel von großer Bedeutung. Der Vortrag Klassiek, Barok, Modern (Klassik, Barock, Moderne) findet im Februar 1920 in Antwerpen statt. Einen Monat später, im März, hält Theo Van Doesburg auf Initiative einer jungen Gruppe um die Brüder Pierre und Victor Bourgeois einen Vortrag über De Stijl im Centre d’Art in Brüssel. Neben den Brüdern Bourgeois, Georges Vantongerloo und René Magritte sind weitere, später wichtige Künstler anwesend, so Pierre-Louis Flouquet, Felix De Boeck und Victor Servranckx.

© SABAM Belgium 2024
Poster lecture by Theo van Doesburg Klassiek, Barok, Modern CC-BY-NC (Creative Commons 4.0)

Theo Van Doesburg hält 1921 eine zweite Vortragsreihe, wieder in Brüssel und Antwerpen. Eine Ankündigung des Vortrags in der Antwerpener Zeitung De Morgenpost vermittelt ein gutes Bild davon, wie die breite Öffentlichkeit mit den Standpunkten der Avantgarde in Berührung kommt. „Theo Van Doesburg, der bekannte Führer der Zeitung ‚Stijl‘ und Propagandist der modernen Kunst, hält am Freitagabend um 20 Uhr im Ballsaal des Königlichen Atheneums einen Vortrag mit Bildern unter dem Titel ‚De Stijl‘. […] Es ist bekannt, dass Van Doesburg und seine Anhänger für eine äußerste Vereinfachung in der Kunst eintreten. Sie begnügen sich nicht länger mit einer Nachahmung der Natur, sondern wollen mit einem einfachen Spiel quadratischer Flächen einen künstlerischen Eindruck vermitteln. […] Dieser Vortrag wird durch Bilder verdeutlicht, sodass er allen, die die höchst umstrittene moderne Tendenz in der Kunst kennenlernen möchten, eine Gelegenheit bietet.“

Theo Van Doesburgs Bedeutung für die aufkeimende Avantgarde in Belgien ist enorm. Roger Van Avermaete von Lumière, der Architekt Victor Bourgeois sowie Paul Van Ostaijen korrespondieren mit ihm. Eugeen De Bock wird für kurze Zeit Propagandist und Vertreter von De Stijl in Belgien. Der Verlag von Eugeen De Bocks De Sikkel veröffentlicht sogar den Vortrag Theo Van Doesburgs im Wortlaut. 1922 unterzeichnet Theo Van Doesburg zusammen mit El Lissitsky, Hans Richter und dem Flamen Karel Maes das Manifest der Konstruktivistischen Internationalen Beeldende Arbeidsgemeenschap (Internationale Konstruktivistische Arbeitergesellschaft). Mit seiner Betonung der internationalen Natur des Konstruktivismus bringt Theo Van Doesburg verwirklich er Projekte mit verschiedenen belgischen Künstlern und entwickelt die Antwerpener Zeitung Ça Ira unter seinem Einfluss von einer linksflämisch-nationalistischen Ausrichtung zu einer Avantgarde-Zeitschrift weiter. Theo Van Doesburgs Ideen und Werke inspirieren in den zwanziger Jahren und danach eine neue Generation von Künstlerinnen und Künstlern in Belgien, die sich für eine moderne, reduzierte Formensprache einsetzen. Er fördert zeitlebens den Austausch zwischen belgischen und niederländischen Künstlern und trägt so – wie kaum ein anderer – zur internationalen Ausrichtung der belgischen Moderne bei.

Quelle: vgl. Sergio Servellón, ‚The lectures by Theo van Doesburg in Belgium‘, Online unter: The lectures by Theo van Doesburg in Belgium | Abstract Modernism, aufgerufen am 10.12.24

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